Netzwerk Kirchenreform - Monday, 15. March 2010
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Vorwort zur 8. Ausgabe

Ein Beitrag von Prof. Dr. Udo Krolzik

  

Prof. Dr. Udo Krolzik

Zum Geleit der achten Ausgabe des Newsletters...

 

Meine Damen und Herren,

vor 12 Jahren stellte unser damaliger Bundespräsident Roman Herzog auf der VEBA-Konzerntagung fest, dass „Manager ganze Unternehmen schuldhaft an die Wand fahren und dann nicht einmal mit Konsequenzen rechnen müssen“! Damals haben sich viele Manager lautstark empört. Heute sind diese Stimmen leiser geworden, stattdessen ist die öffentliche Kritik an den Top-Führungskräften lauter geworden.

Diese Kritik speist sich nicht wie in den 60er und 70er Jahren aus ideologischen Quellen, sondern aus dem Empfinden und den Erfahrungen, dass viele Spitzenmanager ihre Arbeit schlecht machen. Sie werden ihrer Aufgabe nicht gerecht. Viele Firmenpleiten werden auf Management-fehler zurückgeführt und dem Unvermögen in den jeweiligen Chefetagen zugerechnet. Steigende Aktienkurse und Vorstandsgehälter bei gleichzeitigen Massenentlassungen - von den Korruptionsskandalen ganz zu schweigen - sind eine Katastrophe für das Gerechtigkeitsempfinden. Wer das Geschehen in der Wirtschaft anhand der Medien verfolgt, erlebt mehr oder weniger fassungslos eine kaum verhüllte Raffgier.

Der Hinweis, dass die Schwierigkeiten in den standortbedingten Belastungen für die Unternehmen begründet sind, ist nicht stichhaltig. Einer Vielzahl von Unternehmen gelingt es immer wieder, sich exzellent aufzustellen und gegen den Trend zu wachsen.

Auch intern werden die Führungskompetenzen der Spitzenmanager immer häufiger infrage gestellt. Viele Befragungen der Mitarbeitenden zeigen, dass den Entscheidungen des Managements nicht vertraut wird, und die Strategien des Top-Managements wie aus einer anderen Welt erlebt werden. Häufig wird geklagt, dass sich die Führungsspitze omnipotent und allwissend gibt, während alle Mitarbeitenden keinen Durchblick haben. Und wer kennt nicht die Unternehmen, in denen die Entscheidungen der Führungsspitze gar nicht bei den Mitarbeitenden ankommen, sondern angestoßene Prozesse schnell versanden. Es scheint als wenn eine Betonplatte zwischen dem Vorstand oder der Geschäftsführungspize und den nächsten Ebenen eingezogen wurde. Entsprechend häufig zeigen sich Mitarbeitende frustriert und mit ihrem Arbeitgeber nur im geringen Maße identifiziert, so eine Gallup-Studie (www.gallup.de).


Auch hier helfen Aufzählungen der Spitzenmanager nicht weiter, in denen sie – häufig nur aus gekränkter Eitelkeit - Maßnahmen benennen, die getroffen wurden, um die Kommunikation zu verbessern, die Mitarbeitenden einzubinden, die Nachhaltigkeit von Beschlüssen zu prüfen und zu fördern. Schuld an der Misere ist nicht eine undankbare und illoyale Mitarbeiterschaft, sondern eine ineffektive Führungsstruktur und vor allem fehlende glaubwürdige Führungspersönlichkeiten.


Lassen Sie mich an dieser Stelle einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass dieses wie alles Folgende nicht nur für Wirtschaftsunternehmen einschließlich diakonischer Unternehmen gilt, sondern auch für die Kirche.


Die Kirche ist kein Unternehmen, aber muss unternehmerisch handeln. Ich sage das nicht nur als akademischer Beobachter, sondern als Pfarrer der evangelischen Kirche und jahrelanger Verwaltungsratsvorsitzender eines diakonischen Landesverbandes und Vorstandsvorsitzender eines großen diakonischen Trägers.

Der Hintergrund für diese ineffektiven Führungsstrukturen und die fehlenden glaubwürdigen Führungspersönlichkeiten ist der rapide politische, technologische und gesellschaftliche Wandel, der in den letzten 20 Jahren stattgefunden hat. Dieser Wandel hat die Globalisierung ermöglicht und erzwungen. Diese Zusammenhänge sind Ihnen allen hinreichend vertraut. Ich werde deshalb nur einige Hinweise geben, wie dadurch die überkommenen Organisationsstrukturen der Traditionsunternehmen transformiert werden.

 

  1. Die enormen Veränderungsgeschwindigkeiten in den relevanten Umwelten von Unternehmen machen neue Formen der Strategieentwicklung notwendig. Wie kann Orientierung gewonnen und gegeben werden in Zeiten einer durch und durch unkalkulierbar gewordenen Zukunft?
  2. Die althergebrachte Gliederung nach Funktionen: Produktion, Vertrieb, Finanz- und Rechnungswesen, Personal, Forschung und Entwicklung, wird nun an Geschäftsfeldern orientiert, die ihrerseits wie eigenständige Unternehmen agieren. Um die neu zugeschriebene Eigenverantwortung auch tatsächlich wahrnehmen zu können, müssen diese kleinen Einheiten mit der Gesamtheit der erforderlichen unternehmerischen Funktionen ausgestattet werden.
  3. Die wirtschaftliche Dynamik führt dazu, dass immer mehr Netzwerke entstehen, in die die einzelnen Unternehmen als Glieder einer Wertschöpfungskette mehr oder weniger fest eingebunden sind. Diese Netzwerke stehen im Wettbewerb mit ähnlichen Netzwerken.

 

Auf dem Hintergrund dieser Transformationen müssen Führungskräfte mit Unübersichtlichkeit und damit verbundenen Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten leben. So stellt mit Recht die EKD-Denkschrift von 2008 „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ fest: „Die Herausforderungen an unternehmerisch Tätige werden in der Zukunft nicht abnehmen. Die Notwendigkeit, in immer kürzerer Zeit neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen und zu ihrer Erstellung Unternehmensabläufe beständig umzubauen und zu optimieren, bleibt auf Dauer bestehen.“ (126)

 

Das bedeutet einen fundamentalen Funktionswandel von Führung. Es ist deutlich, dass wir neben effektiven Führungsstrukturen glaubwürdige Führungs- persönlichkeiten brauchen. Wir brauchen Menschen, die zum Leiten berufen werden, weil sie die entsprechenden Fähigkeiten besitzen. 

 

Ihr Udo Krolzik

   

Prof. Dr. Udo Krolzik ist seit 1996 Vorsitzender des Vorstands des Ev. Johanneswerkes, dem größten diakonischen Träger Europas mit Sitz in Bielefeld, und seit dem 1. Februar 2008 Direktor der Bundesakademie und Vorstandsvorsitzender der Führungsakademie für Kirche und Diakonie in Berlin. Er studierte Betriebswirtschaft und Theologie in Hamburg und Edinburgh, promovierte 1984 und lehrte unter anderem an der Universität Hamburg und der Kirchlichen Hochschule in Bethel.

 

 

 

Die Bundesakademie für Kirche und Diakonie entstand 2006 durch den Beitritt der EKD zu der seit 1970 bestehenden Diakonischen Akademie Deutschland. In der Einrichtung bilden sich Mitarbeiter aus Kirche und Diakonie weiter. Die Bundesakademie trägt auch die im Dezember 2006 gegründete Führungsakademie für Kirche und Diakonie mit, die sich mit speziellen Qualifizierungsangeboten an Nachwuchs- und Führungskräfte wendet.


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