Vorwort zur 10. Ausgabe
Ein Beitrag von Oberkirchenrätin Barbara Bauer
Zum Geleit der zehnten Ausgabe ...
Liebe Leserin, lieber Leser,
zu den Perspektiven in Reformprozessen nenne ich Ihnen 6 Thesen zur Anregung:
1. Vom Auftrag
Paulus schreibt im 1. Brief an die Thessalonicher (Kapitel 5 Vers 21):
Prüfet aber alles und das Gute behaltet.
Dieser Auftrag hat an Aktualität nichts eingebüßt. Galt er im Jahre 50 nach Christus einer konkreten Gemeinde an einem konkreten Ort als Maßstab zur Gewinnung von Erkenntnissen für die Gestaltung des Gemeindelebens, so gilt er heute ebenso den konkreten Erscheinungsformen der sichtbaren Kirche im 21. Jahrhundert. Sich Fragen an die äußere Gestalt unserer historisch gewordenen Kirchen zu stellen ist daher keine Modeerscheinung und auch kein Ausdruck von Kleingläubigkeit oder gar Überheblichkeit. Es zeugt vielmehr von der Bereitschaft, heute Strukturen für die Kirchen von morgen zu gestalten.
2. Von den Akteuren
Der Reformprozess gibt keine Ergebnisse vor, sondern weist Richtungen auf. Konkrete Schritte obliegen den Erkenntnissen und dem Engagement der Beteiligten auf allen Ebenen der Kirchen: in den Gemeinden, in den Bezirken, in den Landeskirchen, in den Werken und Einrichtungen, in den konfessionellen Bünden und in der EKD. Von diesen hängt die Dynamik ab, von der ich persönlich den Eindruck habe, dass sie noch nicht das Potential des deutschen evangelischen Protestantismus spiegelt.
3. Ermutigungen
Große kirchliche Werke geben ermutigende Beispiele für strategische Konzeptentwicklung und –umsetzung:
- das Diakonische Werk der EKD mit seiner Aktion Brot für die Welt und der Evangelische Entwicklungsdienst vereinigen sich zu einem gemeinsamen Werk am Standort Berlin
- das Gemeinschaftswerk für evangelische Publizistik entwickelt eine grundlegend neue, crossmedial ausgerichtete und deutschlandweit verfügbare publizistische Plattform, im Internet künftig unter evangelisch.de abrufbar.
- Diakonische Werke verschiedener Landeskirchen schließen sich zusammen, um ihren Auftrag gemeinsam besser wahrnehmen zu können.
Sollten da nicht auch Landeskirchen und konfessionelle Bünde in Bewegung geraten können?
Es müsste doch innerhalb der nächsten 10 Jahre gelingen können, dass die konfessionellen Bünde unter dem Dach der EKD weitestgehend zusammengeführt sind.
Genauso müsste es doch möglich sein, dass sich kirchliche Körperschaften – Gemeinden, Kirchenbezirke, Landeskirchen, Einrichtungen, Werke – zu solchen Größen zusammenfinden, die zukunftsfähig sind.
4. Keine Angst vor Q wie Qualität
oder: Lust zum Erfolg
Kirchliche Arbeit kann wie jedes menschliche Werk gelingen oder misslingen, meistens wohl liegen die erkennbaren Ergebnisse irgendwo dazwischen. Warum fällt es uns so schwer, dieses „irgendwo“ mit den vorhandenen Mitteln der Qualitätssicherung festzustellen und systematisch in Richtung des „Gelingen“ zu verschieben? Ohne solche Instrumente lassen wir Entwicklungspotentiale zum Schaden des Ganzen ungenutzt. Statt Ängste zu schüren und Horrorszenarien quantifizierender Messexzesse an die Wand zu malen, sollten wir uns daran begeistern, dem eigenen Tun zu noch mehr Erfolg verhelfen zu können.
5. Es gibt keine dummen Fragen
oder: von den erhellenden Wirkungen einer Beweislastumkehr
Auf uns gekommene Strukturen unverändert fortzuführen ist nur dann klug, wenn wir uns ihrer Angemessenheit bezogen auf die zu lösenden Aufgaben vergewissert haben. Ich plädiere daher für eine wiederkehrende Umkehr der Beweislast. In regelmäßigen Abständen sollte das Vorfindliche sine ira et studio darauf befragt werden, was es bewirkt, ob diese Wirkung noch in einem angemessenen Verhältnis zum Aufwand steht, welche Alternativen es gibt und was bei einem Wegfall fehlen würde. Es gibt so viele hervorragende Ideen, die wir nicht verwirklichen, weil wir unsere Mittel gebunden haben und wenig flexibel für Veränderungen sind.
An einem Beispiel gezeigt, das gewiss auch Widerspruch hervorrufen wird: Die Mittel, die alle evangelischen Kirchen zusammen für ihre Printpublizistik ausgeben, sind im Vergleich zu dem, was wir jungen und alten Internetnutzern an Informationsmöglichkeiten bieten, einfach schlecht allokiert.
Solche Fragen müssen gestellt werden und aus den Antworten müssen Konsequenzen gezogen werden.
Es gibt keine dummen Fragen, es gibt nur dumme Antworten.
6. Von der Verantwortung der Leitenden
Kirche wird, wie andere Institutionen auch, geleitet – ob es den Leitenden wie den Geleiteten gefällt oder nicht. Zu den Leitungsaufgaben gehört, Veränderungsbedarf ggf. festzustellen, Lösungsstrategien zu entwickeln und die Umsetzung zu begleiten.
Es liegt in der Verantwortung der Leitenden, sensibel wahrzunehmen, ob der der Kirche vorgegebene Auftrag mit den vorhandenen Mitteln angemessen erfüllt wird und ggf. nach Alternativen Ausschau zu halten. Dass dies in der Kirche nie ohne Beteiligung einer Vielzahl von Haupt- und Ehrenamtlichen geschieht, senkt die Gefahr einsamer (Fehl-)entscheidungen und macht es so spannend, kirchliche Veränderungsprozesse mitzugestalten.
Ich fasse zusammen:
Prüfet aber alles, und das Gute behaltet!
Oberkirchenrätin Barbara Bauer ist Referatsleiterin des Referates „Geschäftsleitung und Finanzen“ im Evangelischen Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Baden.
