Kirchenreform – ist der Begriff richtig gewählt?

Reformation und Reformationszeit

  

Ein Beitrag von Stefan Bölts

  

Wenn Sie sich in der kirchlichen Literatur auch zum Bereich der Gemeindeentwicklung oder Gemeindeerneuerung vorgetastet haben, dann sind Ihnen sicherlich schon Autoren begegnet, die Buchtitel verwenden wie „die dritte Reformation“ oder „die neue Reformation“. Ist dies nicht ein wenig zu dick aufgetragen? Wenn von einer Reformation die Rede ist, so denken die meisten Menschen zunächst an jene Zeitepoche, die das Ende Mittelalters kennzeichnet. Sie haben die 95 Thesen des Martin Luther vor Augen, erinnern sich vielleicht an eine dramaturgische Filminszenierung, in der sich Joseph Fiennes als „kleines deutsches Mönchlein“ gegen die Weltmacht jener Zeit auflehnte. In der ZDF-Reihe „Unsere Besten“ liegt der Augustinermönch selbst noch in säkularer Zeiten auf Rang zwei der „größten Deutschen“. Ist es da angebracht und angemessen, neue Ideen auf die gleiche Ebene dieser historischen Leistung zu heben? 
Ein Blick in die Kirchengeschichte öffnet jedoch die Augen dafür, dass „die Reformation“ keinesfalls das Schaffen eines Einzelnen war. Namen wie Ulrich Zwingli oder Philipp Melanchthon gehören dazu, ebenso Johannes Calvin und viele andere. Zudem dürfte die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg maßgeblich zum Erfolg der Reformation beigetragen haben. Allerdings haben Vordenker wie Jan Hus zuvor noch ihr Ende auf einem Scheiterhaufen gefunden. Schließlich wird man mit historischem Abstand auch fragen dürfen, ob Martin Luther selbst mit seiner „Reformation“ so erfolgreich war, zumal er - unter gesamtkirchlicher Perspektive betrachtet - mit seiner Schärfe als „Kirchenspalter“ historische Zäsuren wie die Gegenreformation oder im Anschluss daran die kriegerischen Auseinandersetzungen des konfessionelle Zeitalter heraufbeschworen hat. Das Ausrotten ganzer Landstriche oder das „Magdeburgisieren“ belagerter Großstädte im Dreißigjährigen Krieg wird man sicherlich weniger dem Augustinermönch selbst, als der Rohheit der Menschen jener Zeit zuschreiben müssen. Dies Beispiel aus der Kirchengeschichte zeigt, dass sich Ideen nicht nur im kleinen Kreise wie der Wiedertäuferbewegung in Münster oder der Bauernrevolution von Thomas Müntzer verselbständigen können. Viele religiös motivierte Revolutionen von der Antike über die Zeit der sog. Aufklärung bis in die neuere Zeit hinein haben immer wieder große Opfer gefordert. Und die Geschichte der Menschheit mit ihrem Streben nach sozialer und religiöser Freiheit wird schließlich bis zum heutigen Tage meist mit Blut geschrieben. 
Der Drang nach Veränderung ist auch in der Kirche kein einmaliges Ereignis gewesen, weshalb die Bezeichnung dieser Epoche als die „Reformationszeit“ eigentlich irreführend ist. Von Beginn an war die Christenheit eine Bewegung mit revolutionärer Sprengkraft. Der Jude Jesus von Nazareth hat dem herrschendem Pharisäertum die Stirn geboten, der bekehrte Paulus hat mit Reisen und per Post fast das halbe römische Imperium erreichen können, und immer wieder ist die Geschichte des Christentums von Ausbrüchen aus verfestigten Strukturen geprägt. Als die jüdische Sekte als christliche Kirche schließlich zur Staatsreligion wurde, setzten sich diese reformatorischen Schübe fort. Mönche gründeten neue Orden oder neue Reformklöster, als die Vorgänger zum Establishment wurden. Päpste wagten Reformen im Klerus oder im Streit um die Laieninvestitur (Einsetzung geistlicher Ämter durch weltliche Herrscher). Aber auch neuzeitliche Entwicklungen waren geprägt von der Motivation, die Kirche immer wieder aufs Neue reformieren zu müssen: Lokale Erweckungsbewegungen wie der Pietismus, die Gründung und Abspaltung neuer Freikirchen oder die Entdeckung der sozialen Frage im industriellen Zeitalter – all diese Erneuerungsbewegungen prägten innerkirchliche Debatten und gaben der Kirche je ein neues Gesicht, sei es eher missionarisch oder eher caritativ-diakonisch. 
Sie sehen an diesem kurzen Abriss, dass wir es mit der „Kirchenreform“ eigentlich mit einer ständigen Selbsterneuerung der Kirche zu tun haben und eine „Reformation“ kein einmaliges oder unwiederholbares Ereignis darstellt. Mal kommen Reformen leise daher und mal entladen sie sich in gewaltsamen Auseinandersetzungen. Mal führen sie zur Einigung in dogmatischen Streitfragen und mal etablieren sie eine faktische Spaltung der Konfessionen. Mal prägen sie das Gesicht einer Epoche oder das einer Frömmigkeitsbewegung. 
Ob die mehr oder weniger zeitgleich stattfindenden Strukturreformen in deutschen Bistümern und Landeskirchen oder die zum Anfang zumindest breit angelegte Debatte um das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ in Zukunft einmal eine Erwähnung in den Geschichtsbüchern finden werden, bleibt abzuwarten. Aber wer sich an der Idee einer Reform beteiligt, treibt Geschichte voran. Und wenn es auch nur die Chronik der Jugendgruppe oder Kirchengemeinde ist und die Beteiligten womöglich namentlich unerwähnt bleiben: Die Motivation der Reformatoren aller Zeiten lag nicht darin, in den Geschichtsbüchern unsterblich zu werden, sondern darin, in ihrer jeweiligen Situation das Nötige zu tun, damit die Kirche in Bewegung bleibt und ihrem Auftrag auf Erden gerecht wird.

 

Das kleine ABC der Kirchenreform

In kurzweiliger Form zeigt Stefan Bölts, dass Kirchenreform mehr ist, als die Kürzung von Gemeindepfarrstellen und die endlose Diskussion über Positionspapiere. Ein Wegweiser durch das Dickicht der Reformdiskussionen im praktischen Taschenbuchformat:
Das kleine ABC der Kirchenreform
Eine Einführung in die Themen der Reformdebatten
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