Ich bedanke mich herzlich für die Einladung zu dieser Tagung und für die Möglichkeit zu Beginn einige Bemerkungen zu den Strukturveränderungen, insbesondere zu Regionalisierungsprozessen in unseren Kirchen und Gemeinden zu machen.

Ich spreche zu Ihnen als Pastorin, die 1994 – damals noch im Gemeindepfarramt – zum ersten Mal mit diesem Stichwort konfrontiert war und damals zu einer Region gehörte, in der Regionalisierung bis heute nicht gelungen ist. Ich spreche zu Ihnen aber auch aus der Sicht des
Gemeindekollegs der VELKD in Celle. Einem Institut, das sich mit Fragen und Möglichkeiten der Gemeindeentwicklung beschäftigt. Regionalisierung ist für uns ein unübersehbares Thema der Gemeinden geworden, mit dem wir uns zunehmend beschäftigt haben. Schließlich bringe ich Erfahrungen als Gemeindeberaterin mit, die seit mehr als 6 Jahren (vor allem im hannoverschen Kontext, aber auch in Sachsen, Lippe, Mecklenburg, Braunschweig) mit Fusions-, Kooperations- und Regionalisierungsprozessen von Gemeinden beschäftigt ist.
Im Tagungsprogramm hat mein Vortrag noch keinen Titel. Darüber haben wir vorab gar nicht gesprochen. Ich habe nun einen Titel gefunden: Regionalisierung – Märchenprinz oder Kröte.
Regionalisierung - Märchenprinz oder Kröte, so lautete der Titel einer
Open-space-Veranstaltung, zu der die Hannoversche Landeskirche, und dort das Haus Kirchlicher Dienste, Abteilung Gemeindeberatung, im Januar 2006 eingeladen hat. Märchenprinz oder Kröte – dieser Titel fragt nach Erleben und Wahrnehmungen, nach Einstellungen und Emotionen, nach Bewertungen und Deutungen, also nach weichen Fakten. Eine kluge Formulierung. Es wurde im Titel nicht Regionalisierung als Notwendigkeit oder Chance angekündigt. Auch ging es zunächst nicht um best oder bad practice, sondern um die Frage, womit die Eingeladenen – nach ihrem eigenen Gefühl - bei der Regionalisierung zu tun haben: eben:
Märchenprinz oder Kröte.
Im Folgenden möchte ich Ihnen einige Beobachtungen zu eben diesen weichen Daten, zu Einstellungen, Bewertungen, Emotionen, Haltungen usw. vorstellen. Es geht mir also um den personalen Faktor in den gegenwärtigen Veränderungsprozessen, der sich m. E. als gewichtiger Faktor für Gelingen und Scheitern darstellt. Ich hoffe, dass meine Beobachtungen gewissermaßen eine Folie darstellen können, die wir auf die dann folgenden weiteren Berichte und Referate auflegen können. Ferner gehe ich davon aus, dass auch aus diesen Beobachtungen Handlungsfelder abzuleiten sind, die essentiell oder flankierend in die Strukturveränderungsprozesse hineingehören.
Die aktuellsten Eindrücke zu diesem Thema konnte ich vor einer Woche in der Akademie Loccum [1] gewinnen. Bei einer Tagung, die sich mit der Auswertung der Pastorenbefragung in der Hannoverschen Landeskirche beschäftigte, bildeten sich Arbeitsgruppen zu 4 Themen, die die 75 Teilnehmenden aus allen Kirchenkreisen der Landeskirche für relevant hielten. Die größte Arbeitsgruppe kam zum Thema Regionalisierung zustande. 25 Pastoren und Pastorinnen, einige Übergemeindliche und auch ein Vertreter der wissenschaftlichen Theologie widmeten der Regionalisierung 6 Arbeitsstunden.
Mein Vortrag gliedert sich in zwei Teile:
Widerstände in den Prozessen der Veränderung und ihre Ursachen
Notwendige Einsichten und Schritte in den Prozessen der Veränderung
Es gibt wohl keine Landeskirche und kaum eine Gemeinde mehr, in der nicht von Umstrukturierung und Sparmaßnahmen die Rede ist. Dabei stehen unterschiedliche Begriffe und Modelle zur Debatte: Regionalisierung, Schwesternkirchverhältnisse, verbundenes Pfarramt, Fusion, Quartierbildung, Kirchspiel, Kirchengemeindeverband usw. Ich lasse hier die Differenzierungen zunächst einmal weg – und spreche stellvertretend von Regionalisierung. Allen gemeinsam ist die Perspektive der Kooperation gegenüber bisheriger Einzelexistenz.
Zu den wiederkehrenden Erfahrungen in Prozessen der Regionalisierung gehört die des massiven Widerstands. Er zeigt sich in unterschiedlichen Formen und bringt doch immer eine heftige Abwehr zum Ausdruck: Da wird apodiktisch erklärt: „Die Gemeinde macht das nicht mit!“ oder „Ein gemeinsamer Gemeindebrief geht auf keinen Fall!“ oder: „Ostfriesland ist ein Sonderfall.“ Abwehr drückt sich ebenfalls aus, indem auf andere Möglichkeiten des Sparens in der Kirche hingewiesen wird: „Die sollen mal bei der Verwaltung und denen da oben sparen oder bei den Übergemeindlichen oder die VELKD abschaffen – dann kann hier alles so bleiben wie es ist.“ Oder es wird mit zweifelhaften Fakten argumentiert: „Schließlich bringen wir hier in der Gemeinde das Geld für die Kirche auf.“ Neben dem, was verbal geäußert wird, gibt es auch andere Ausdrucksformen des Widerstands: Schreien, in Schweigen verfallen, sich der weiteren Mitarbeit verweigern, Beschlüsse aussitzen und die Umsetzung torpedieren, den Informationsfluss blockieren usw. usw. Es sind schon Menschen krank geworden, Freundschaften und kollegiales Miteinander zerbrochen. Aggression und Resignation, Larmoyanz und Ironie finden sich allenthalben. Als Ausdruck des Widerstandes werte ich es auch, wenn in der Pastorenbefragung der Hannoverschen Landeskirche auf die Frage, was in Zukunft getan werden solle, folgendes Ergebnis festzustellen ist: Auf Platz 2 kommt die Stärkung der Gemeinden mit 39,7 % Zustimmung, gefolgt von „Ausweitung/Sicherung der Pfarrstellenzahl mit 33,6 % Zustimmung. Hingegen erhält die Regionalisierung lediglich 8,5 % Zustimmung und rangiert damit auf dem drittletzten Platz der Rangfolge.
[2]
Woran liegt das? Versuch der Ursachenforschung
These 1: Von der Organisation her gedacht:
Die Kommunikation zwischen Leitungsebenen und Gemeinden ist von Unklarheiten geprägt.
Als 1994 in meinem damaligen Kirchenkreis ein neuer Superintendent sein Amt antrat, sprach er im ersten Ephoralbericht vorm Kirchenkreistag von Regionalisierung. In seinen Ausführungen klang das nach einer neuen Vision von Kirche, nach neuen Formen der Arbeit, die die Kirche attraktiver machen sollten. Man wunderte sich und hörte erstaunt, dass da Veränderungen anvisiert wurden.
Nach ihm trat der Vorsitzende des Finanz- und Planungsausschusses ans Rednerpult. Er präsentierte neue Berechnungen des Landeskirchenamtes, wonach der Kirchenkreis in den nächsten 4 Jahren 1,2 Mio. DM an Personalkosten einsparen sollte.
Plötzlich erschien das Stichwort Regionalisierung in einem anderen Licht. Schnell empfanden wir, dass es hier nicht um eine Vision, sondern im Kontext der Einsparungen um eine Bedrohung ging. Empörung, Angst, Verunsicherung machten sich breit. Die Assoziationen betrafen plötzlich nicht mehr eine andere Form und Struktur kirchlicher Arbeit, sondern die Sicherheit der eigenen Stelle.
Ich halte diesen Einstieg in die Regionalisierungsdebatte für nicht untypisch. Die Art der Kommunikation zwischen Kirchenleitung und Gemeinden, Pfarrerschaft, Mitarbeiterschaft war und ist dazu angetan, eine Verschleierung der Verhältnisse zu bewirken. Die werbende Rede zugunsten von Veränderungen und die deutliche Kommunikation des Notwendigen und Unabwendbaren vermischen sich immer wieder. Klarer Leitungswille der oberen Ebenen und der Appell an Einsicht und Freiwilligkeit vermischen sich. Es entsteht der Eindruck, dass Betroffene in den Veränderungsprozessen Konzepte erarbeiten sollen, mit denen sie der Streichung ihrer eigenen Stelle zustimmen.
Pastoralpsychologisch, aber auch systemisch gedacht, ist dies unrealistisch. Dass jemand mit Freude und Engagement etwa an einem Leitbild, einer Konzeption oder einem Kooperationsmodell arbeitet, dass ihn oder sie selbst oder die eigene bisherige Arbeit überflüssig macht, ist unrealistisch. Man wickelt sich nicht selber ab. Es ist nach wie vor schwierig, personenunabhängig neue Szenarien zu entwickeln.
These 2: Von der Kommunikation her gedacht:
Mangelnde Wertschätzung in der Kommunikation zwischen den verschiedenen kirchlichen Ebenen, aber auch zwischen künftigen Partnern von Kooperation vergrößert die Widerstände.
In den gegenwärtigen Veränderungen sind überall Klagen über mangelnde Wertschätzung zu hören. Die Frau eines hannoverschen Oberlandeskirchenrates klagte, sie könne das andauernde Geschimpfe über das Landeskirchenamt nicht mehr ertragen. An jedem Abend komme ihr Mann damit nach Hause.
Im Verteilungskampf um Finanzmittel und Personalstellen sehen Menschen ihre bisherige Arbeit nicht anerkannt. Wenn von Gemeindeseite die Abschaffung aller übergemeindlichen Dienste oder Institutionen gefordert wird, wird deren Beitrag zum Auftrag der Kirche und zur Unterstützung der eigenen Arbeit nicht benannt.
Umgekehrt haben Gemeinden und ihre Mitarbeitenden den Eindruck, dass sie die wirkliche Kernerarbeit der Kirche leisten und von denen am „grünen Tisch“ nicht gewürdigt werden. Wenn Superintendenten sagen, dass ihr A 15 Gehalt als Schmerzensgeld zu verstehen sei, spricht sich auch hier ein Mangel an entgegengebrachter Wertschätzung aus.
Die Pastorenbefragung in Hannover hat ans Licht gebracht, dass die Instanzen für Wertschätzung der pastoralen Arbeit das eigene Gewissen, die Rückmeldung der Teilnehmenden und die Annerkennung aus der eigenen Familie darstellen. Leitungspersönlichkeiten (Superintendenten und z.B. die hannoversche Bischöfin) bekommen hohe Sympathiewerte, wenn sie Wertschätzung zum Ausdruck bringen und auf der Beziehungsebene positiv agieren. Das Landeskirchenamt, das naturgemäß eine andere Art der Kommunikation pflegt, bekommt demgegenüber schlechte Werte.
Insgesamt lässt sich sagen, wir haben in der Kirche ungenügend ausgeprägte und strukturierte Anerkennungsmechanismen. Was Erfolg und gute Arbeit sind, ist unklar. Objektive Maßstäbe gibt es lediglich für Statistiken, die aber bei weitem nicht ausreichend beschreiben, welche Arbeit wie geleistet wird. In dieser Situation kommt es zu einem Sich-Zurück-Ziehen auf den eigenen kleinen Kontext. Dessen Aufweichung und Vermischung mit Nachbarn, Kollegen usw. führt logisch zu Verunsicherung, Ablehnung und Widerstand. Insbesondere, wenn eine Arbeit nicht fortgeführt oder verändert werden soll, bedarf es der ausdrücklichen Anerkennung und Würdigung des bisherigen.
These 3 : Von der Theologie her gedacht:
Die Prozesse der Veränderung sind durch einen Mangel an theologisch-ekklesiologischer Reflexion gekennzeichnet
Jan Hermelink, Prof. für Prakt. Theologie in Göttingen, formulierte in Loccum, theologische Reflexion erfordere es, Abstand vom aktuellen Gegenstand der Diskussion zu gewinnen. Er forderte dazu auf, aus der Theologie, der Kernwissenschaft und –kompetenz der Kirche, Kriterien und Deutemuster als Beitrag für die gegenwärtigen Veränderungsprozesse abzuleiten, die dann auch eine Theologie der Region ermöglichten.
An eben diesem Abstand und der theologischen Reflexion mangelt es.
Viele in Veränderungsprozesse Involvierte würden diese Behauptung ablehnen. Sie verstehen ihre Argumente für den Fortbestand der eigenen Parochie und die Verweigerung von Regionalisierung durchaus als theologisch begründet.
Demgegenüber würde ich behaupten, die Diskussion um die künftigen Strukturen kirchlicher Arbeit ist ideologisch aufgeladen. Der Begriff „Gemeinde“, der sich schon neutestamentlich vielfältig darstellt, wird häufig einlinig verstanden. Biblische Bilder, die christliche Existenz kennzeichnen, werden gegeneinander ausgespielt. Und vor allem werden die faktischen Strukturen, die zu den Adiaphora, aber notwendig zu gestaltenden Bedingungen von Kirche gehören, geistlich überhöht.
Das Bewusstsein dafür, dass die gegenwärtige Gestalt von Gemeinde und Kirche sich einem historischen Entwicklungsprozess verdankt, ist unterbelichtet. Die Gemeinde in ihrer heutigen Form – im Idealfall gedacht mit einer Kirche, einem Gemeindehaus, einem Pfarrhaus und einem Pastor für einen überschaubaren Bereich – besteht so noch keine 200 Jahre lang. Diese Vorstellung aber prägt die Berufsbilder von Pastorinnen und Pastoren ebenso wie die Kirchenbilder vieler Gemeindeglieder (umso stärker, je mehr sie der Kirche verbunden sind).
Dennoch findet theologische Reflexion statt: Inzwischen kann man Bücherregale mit Büchern zu diesem Themenbereich füllen: Die Praktische Theologie hat die Kirche, ihre Strukturen und gegenwärtige Situation als Thema entdeckt. Dissertationen und Habilitationen, aber auch Zeitschriften beschäftigen sich mit den entsprechenden Fragen und stellen sie differenziert dar. Sie reichen von Josuttis, Gräb, Hermelink, Kretzschmar, Nüchtern, Kröger u.a. bis Pohl-Patalong und Gundlach, vom Impulspapier der EKD (Kirche der Freiheit) bis zu 12 Thesen der Generalsynode der VELKD (Oktober 2006) zum Thema „Gemeinde neu denken“.
Zwischen diesen Trägern der theologischen Reflexion und der Basis der Kirche (z.B. gedacht als Pfarrkonvent) klafft allerdings ein ‚garstiger Graben’. Die differenzierte und vom Handlungsdruck losgelöste Rezeption findet m. E. nicht ausreichend statt. Umgekehrt führt sie, da wo sie gelingt, durchaus zu Aha-Effekten.
Diese Beobachtung wurde in Loccum bestätigt und führte zu der Forderung, den Pfarrkonvent als Forum des theologischen Diskurses wieder zu gewinnen.
These 4: Von den Sozialwissenschaften her gedacht:
Auch die Wahrnehmung der gegenwärtigen Verhältnisse der Kirche und ihres Kontextes kommt nicht genügend zum Tragen
Seit Anfang der 70er Jahre veröffentlicht die EKD im 10-Jahresabstand die Ergebnisse von Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen. Zuletzt 2004ff. Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Milieustudien, Lebensstilanalysen und weiteren Untersuchungen, die auch nach der Ansprechbarkeit der Menschen auf Kirche und den Chancen für Anknüpfungspunkte von Seiten der Kirche fragen.
Wer diese Studien zur Kenntnis nimmt, kommt zu dem Schluss, dass nicht nur die sog. Finanzkrise zu einer veränderten kirchlichen Arbeit drängen, sondern auch eine „Relevanzkrise“ (z.B. Pohl-Patalong) zu bilanzieren ist. Säkularisierung, Pluralisierung, Individualisierung sind die großen Stichworte, die den gesellschaftlichen Kontext von Kirche beschreiben. Weitere sind: Traditionsabbruch, die neue (für manche „wiederkehrende“) Attraktivität von Spiritualität und Religion, aber auch das Konstatieren einer Milieuverengung in unserer gegenwärtigen kirchlichen Arbeit.
Dass es all diese Untersuchungen gibt, ist in Pastorenkreisen durchaus bekannt, wird aber mit einer gewissen Langeweile zur Kenntnis genommen. Auch hier bedürfte es der vertieften Beschäftigung. Hier ergeben sich Möglichkeiten, die eigenen Erfahrungen im kirchlichen Leben besser zu verstehen. Dieses bessere Verstehen und Erklären stellt aber sofort die einlinigen Argumentationen und festgelegten Standpunkte in Frage und eröffnet neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten.
Ich will das mit einem Beispiel belegen: Die Ablehnung von Regionalisierung wird u.a. damit begründet, dass das Wegbleiben von Menschen zu befürchten sei, wenn etwa Gottesdienste nicht mehr in der eigenen Kirche stattfinden. Die Wahrnehmung, dass bereits jetzt viele – allerdings andere – Menschen weggeblieben sind, wird demgegenüber hingenommen. Gleichzeitig wird die Illusion genährt und an dem Ideal festgehalten, alle Mitglieder der Kirche müssten sich in gleicher Weise am kirchlichen Leben beteiligen. Das Ausmaß an Komplexität wird nicht ernsthaft anerkannt. Die darin liegenden Chancen, die dann aber eine Kooperation und Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Gemeinden und/oder anderen kirchlichen Anbietern geradezu erzwingen, werden ebenfalls kaum wahrgenommen.
These 5: Von Glauben her gedacht:
Der notwendige und schmerzhafte Veränderungsprozess in unseren Kirchen ist geistlich nicht ausreichend gestützt
Ich unterscheide diese geistliche Dimension der Veränderungsprozesse bewusst von der Frage nach theologischer Reflexion und ich setze ihn bewusst an das Ende dieser Thesenreihe.
Jenseits aller reflexiven, kommunikativen und Organisations-Leistung bedarf unsere gegenwärtige Situation auch der geistlichen Stützung. Die Unterscheidungen von Menschenwerk und Gotteswerk, von Letztem und Vorletztem, von Aktivität und Passivität, von Zuspruch oder Anspruch, von Eigenverantwortung und Angewiesensein, von eigener Verpflichtung und der Rechtfertigung aus Glauben, ja auch von Schuld und Vergebung müssen auch in unseren Veränderungsprozessen eine Rolle spielen. Aus ihnen kann eine Haltung erwachsen, die im Konkurrenten auch den Bruder sieht, die sich als Teil des Ganzen und nicht losgelöst davon versteht. Aus ihnen kann das notwendige Maß an Demut und zugleich die Freiheit zum Handeln gewonnen werden.
In diesem Sinne gehören Bibelarbeit, Gebet, Gesang, Meditation und Stille notwendig hinein in die anstrengenden Auseinandersetzungen um eine neue, zukunftsfähige Gestalt kirchlicher Arbeit.
Was sich lernen lässt ...
Im Vorlauf für eine Ausgabe der Hauszeitschrift des Gemeindekollegs „Kirche in Bewegung“ im Herbst 2006 habe ich in verschiedenen Landeskirchen in Sachen Regionalisierung recherchiert. Sechs Berichte gewährten Einblick in konkrete Veränderungsprozesse vor Ort. Die verwendeten Strukturbegriffe sind verschieden: Region, Fusion, Quartier, ... die dahinter stehende Zielrichtung ist dieselbe: Kooperation mehrerer Gemeinden anstelle der ausschließlichen gemeindlichen Einzelexistenz.
Bei allen Unterschieden und Differenzen ließen sich einige Punkte benennen, die in allen Kooperationsprozessen eine Rolle spielen.
„Ohne Druck kein Ruck“, so lässt sich beschreiben, dass nicht die Vision oder die freiwillige Einsicht, sondern erst die Einschnitte bei Finanzen und Kirchenmitgliedschaft auf den Weg der beabsichtigten Veränderungen führen. Die Visionäre sind unter den Betroffenen und Beteiligten in der Minderheit. Wenn sie aber vorhanden sind, kommt ihnen eine motivierende Rolle zu.
Wechselseitige Wahrnehmung und Würdigung erleichtern das Aufeinanderzugehen. Skepsis und Vorbehalte bestimmen die Anfänge der Veränderung. Die Ungleichheit der Partner schürt die Furcht von den Größeren„geschluckt“ zu werden. Es ist wichtig, mit einem darstellbaren Gemeinde-Selbst-Verständnis in die Phase der Zusammenarbeit zu gehen und dieses gegenseitig vorzustellen. Hier steht der Aspekt der Wertschätzung zur Debatte.
Es geht nicht um ein „Alles oder Nichts“. Regionalisierung, Fusion, Kooperation sind nicht der Untergang der Gemeinde und ihres Profils. Schwarz-Weiß-Denken ist zu vermeiden, stattdessen müssen die Aufgaben den verschiedenen Arbeitsebenen zugeordnet werden. Hier käme die theologische und sozialwissenschaftliche Reflexion zum Tragen.
Beziehungsarbeit ist wichtig. Gemeinden vor Ort leben u. a. von den Beziehungen der Menschen zueinander. Regionen, fusionierte Gemeinden usw. bieten zunächst weniger spürbare und verlässliche Beziehung. Darum werden bei der Beteiligung am regionalisierten Gemeindeleben Verluste befürchtet und treten u. U. auch ein. Das verstärkt die Ablehnung der Kooperation. Darum muss jeder Kooperationsprozess auch Beziehungsarbeit leisten. Dies sowohl in den beteiligten Gremien als auch für die Gemeinden im Ganzen. Die Rolle von Essen und Trinken, von Feiern und Events ist dabei nicht zu unterschätzen.
Externe Beratung ist hilfreich. Wer „Aktien“ in den Sachfragen der Kooperationsprozesse hat, kann diese Prozesse nicht auch noch moderieren. Für die Anfangsphase, aber auch bei Großgruppenveranstaltungen hilft eine externe Begleitung oder Beratung, Dinge sagbar zu machen. Moderationsmethoden verhelfen zu einer gleichberechtigten Kommunikation der Beteiligten.
Betroffene beteiligen. Nicht nur Hauptamtliche sind von Kooperationen betroffen, sondern auch viele Ehrenamtliche und Gemeindeglieder (in höherem Maß je mehr sie zum Kern der Gemeinde gehören). Sie alle am Nachdenken und an der Gestaltung der neuen Verhältnisse zu beteiligen (z.B. bei Projekttagen, Zukunftswerkstätten o.ä.), eröffnet Chancen auf viele gute Ideen und auf Unterstützung. Verlustängste können sich auf diese Weise wandeln, neue Lebensmöglichkeiten werden entdeckt. Beteiligung wird auch ermöglicht, wenn Regionalisierung als Thema in Gemeindegruppen behandelt wird.
Gemeinsam tun, was wir alleine nicht schaffen. Kooperationen leben nicht von Verträgen, sondern von gelungenen Erfahrungen. Darum sind gemeinsame Projekte, die einen „Mehrwert“ gegenüber dem Bisherigen darstellen, Meilensteine. Erfolgserlebnisse sind möglich! Interessant ist, dass solche Erfolgserlebnisse häufig auf dem Feld der Konfirmandenarbeit möglich werden.
Kooperation ist Arbeit und kostet Zeit. Kooperation bedeutet Mehraufwand, ehe es zu den sog. Synergieeffekten kommen kann. Der Aufwand betrifft den tatsächlichen Arbeitsaufwand von Beteiligten durch zusätzliche Gremien, umfangreichere Absprachen usw. Der Aufwand bezieht sich aber auch auf die für den gesamten Prozess notwendige Zeit. Ungeduld und Zielorientierung können hinderlich sein, wenn dabei Widerstände und Differenzen der Beteiligten unterdrückt werden.
Vertragsabschlüsse als Gretchenfrage. Wenn aus der Freiwilligkeit und dem gutem Miteinander vertraglich geregelte Verbindlichkeit werden soll, kann es zu Krisen kommen. Einzelne Gemeinden oder Personen verweigern sich und steigen aus. Der gut gesteuerte Veränderungsprozess kann den Vertrag zu einem organischen Schritt werden lassen. Dennoch sind Enttäuschungen nicht zu vermeiden.
Vernunftehe oder Liebesheirat? Es ist eine Illusion anzunehmen, dass über kurz oder lang alle Betroffenen und Beteiligten mit hoher Motivation in die Kooperation einsteigen werden. Realitätsgewinn in dieser Hinsicht verhindert den Kampf an aussichtsloser Position.
Kirchliche Strukturen sind kein Glaubensartikel. In den Auseinandersetzungen um die künftige Organisation und Struktur der Gemeinde(n) und ihrer Arbeit sollte auch die geistliche Dimension beachtet werden. Bibelarbeit und Gebet können uns helfen, die Bedeutung der Strukturfragen richtig einzuschätzen. Sie sind nicht das Feld, auf dem die Kirche - und erst recht nicht der Glaube - steht und fällt.
Anmerkungen:
[1] Perspektiven für den Pfarrberuf. Auswertungstagung zum Diskussionsprozess über die Pastorinnen- und Pastorenbefragung in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers vom 1.-3.11.2006 in der Ev. Akademie Loccum.
[2] Vgl. Antworten Fragen Perspektiven. Ein Arbeitsbuch zur Pastorinnen- und Pastorenbefragung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, Institut für Wirtschafts- und Sozialethik (IWS) (Hg.) – Hannover 2005, Frage 6.2., S. 37f.
"Regionalisierung - Märchenprinz oder Kröte?" - Ein Vortrag von Elke Schölper auf der gemeinsamen Fachtagung des "Zentrum für Organisationsentwicklung und Supervision der EKHN" (ZOS) und des Netzwerk "Gemeinde und funktionale Dienste" zum Thema "Regionalisierung in der Kirche. Zukunftsmodelle und Sackgassen" im Taunus (November 2006).
Elke Schölper war zwölf Jahre im Gemeindepfarramt in Hildesheim (Ev.-luth. Landeskirche Hannovers) und von 2000 bis 2007 als Theologische Referentin am Gemeindekolleg der VELKD in Celle mit den Schwerpunkten projektorientierter Gemeindeentwicklung, Grundsatzfragen der Gemeindeentwicklung und Beratung / Begleitung von Gemeinden in Veränderungsprozessen tätig. Seit April 2007 ist Elke Schölper Superintendentin im Amtsbereich Garbsen-Seelze des Stadtkirchenverbandes Hannover.