
Ein Beitrag von Pfarrer Dr. Ulf Häbel in "Kirchenreform strategisch!"
Mit
diesem Aufsatz möchte ich zu der Diskussion beitragen, welche Perspektiven die
Arbeit der Kirche in den kleinräumigen ländlichen Strukturen hat. Dabei spielt
meines Erachtens die Frage nach der nachbarschaftlichen Kooperation in der
Region eine wichtige Rolle. Die folgenden Gedanken sind aus meiner langjährigen
Erfahrung als Dorfpfarrer abgeleitet und in entsprechenden Arbeitsgruppen unter
organisationsentwickelnden Gesichtspunkten vielfach diskutiert worden.
Vor
siebzehn Jahren bin ich mit meiner siebenköpfigen Familie aufs Land gezogen.
Seitdem bin ich mit halber Anstellung Dorfpfarrer in einem kleinen Ort im
Vogelsberg. Neben dem Pfarrberuf betreibe ich eine bescheidene
Selbstversorgerlandwirtschaft – früher nannte man das eine
Nebenerwerbslandwirtschaft. Mein Interesse gilt aber besonders der Frage nach
dem Leben auf dem Land und der Rolle der Kirche darin.
Wenn
ich in Synoden oder anderen kirchlichen Gremien vom Landleben oder von der
Kirche im Dorf rede, wird das (häufig von Städtern) mit der Bemerkung
„idyllisch“ kommentiert. Doch mich interessiert nicht die vermeintliche
Idylle des Lebens auf dem Land und auch nicht die oft behauptete
traditionsorientierte Position der Kirche im Dorf. Mich interessiert die Frage
nach den Perspektiven der Menschen, die in ländlichen Lebensräumen daheim
sind, und welche Aufgaben der Kirche mit ihrer lebensdeutenden und
sinnstiftenden Botschaft dabei zufallen. Es ist klar, dass man dabei nicht
verallgemeinernd von dem Dorf oder pauschal vom Land reden kann. Ländliche Räume
sind sehr unterschiedlich geprägt und dementsprechend die Lebensvollzüge der
Menschen darin auch.[1]
I. Auf dem Land daheim
Dörfer
waren einmal relativ eigenständige Lebensräume. Für die Menschen, die dort
arbeiteten und lebten, war das Dorf wie ein Organismus, zu dem sich die meisten
innerlich zugehörig fühlten. Man war im Dorf daheim, es war der unmittelbare
Lebensraum. Die Gemarkung rundherum, Feld, Wald, und Flur, die Kulturlandschaft
war die Lebensgrundlage. In der Land- und Forstwirtschaft mit den dazugehörenden
Handwerken fanden die meisten Dorfbewohner Arbeit und Brot: vor hundert Jahren
waren das ca. 80% heute ca. 5%.
Ins
Dorf gehörten ganz selbstverständlich die Erziehungsinstitutionen Kindergarten
und Schule. Hier lernten die Kinder Sitten und Traditionen des Dorfes kennen und
die Lebensformen und Überzeugungen der Menschen zu verstehen. Heimatkunde und
Weltgeschichte beschreiben den Horizont, in dem die nachkommenden Generationen
sich im Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Vorfahren begriffen.
Traditionen und Frömmigkeitsformen hatten orientierende und verhaltenssteuernde
Funktion. Schließlich muss man wissen, woher man kommt, um zu wissen, wer man
ist.
In
den letzten 50 Jahren hat sich das Leben auf dem Land grundlegend gewandelt. Die
relative Selbständigkeit ist einer starken Fremdbestimmung gewichen. Ländliche
Räume sind namenloses „Umland“ der Metropolen geworden. Was zur alltäglichen
Lebensgestaltung und Daseinsvorsorge nötig ist, wanderte in kleinere oder größere
Zentren ab, z.B. Ausbildungsplätze und bezahlte Arbeit, Läden und Arztpraxen,
öffentliche Verwaltung und Schulen. Die Menschen auf dem Land haben diese Veränderungen
als Verlust erlebt. Sie fühlten sich als „Opfer“ zentralistisch
orientierter Veränderungsprozesse. An drei so genannten Reformen wird das
deutlich.
Mit
der Landreform (Flurbereinigung) begann in den Fünfzigerjahren des letzten
Jahrhunderts die Umwandlung der kleinräumig – bäuerlichen Landwirtschaft zur
heutigen global orientierten Agrarindustrie. „Wachsen und Weichen“ ist
seitdem das Motto. Bis zum heutigen Tag geben täglich ca. 50 Bauernhöfe in
Deutschland wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit oder fehlenden Nachwuchses auf.
Durch
die Verwaltungsreform in den Sechzigerjahren verloren die Dörfer ihre
politische Selbständigkeit. Aus verwaltungstechnischen Gründen wurden sie in
Städte oder Großgemeinden eingegliedert. Lange Antragswege zu Behörden und
die von örtlicher Sachkenntnis oft ungetrübten Entscheidungen werden von den Bürgern
beklagt. Der Ortsbeirat eines Dorfes darf sich zu anstehenden Problemen ohne
Entscheidungskompetenz zu haben äußern, meistens wenn die Dinge schon
entschieden sind. „Wenn die Kuh geschissen hat, sagen wir Platsch“,
formulierte ein Ortsbeirat sarkastisch.
Im
Zuge der zentralistisch angelegten Bildungsreform verschwanden in den Sechziger-
und Siebzigerjahren auch Kindergärten und Schulen. Überschaubare
„Zwergschulen“ gaben die Kinder an unübersichtliche Mittelpunkt- oder
Gesamtschulen ab.
Im
Dorf geblieben ist bisher die Kirche. Sie ist so zusagen die „letzte
Instanz“ für Kultur und Sinngebung. In einer Denkschrift über den ländlichen
Raum fordert der Europarat seine Mitgliedsländer auf, die vielfältigen ländlichen
Regionen in Europa zu fördern und weiter zu entwickeln. Ziel ist dabei nicht,
idyllische Naturreservate oder folkloristische Museen zu schaffen, sondern das
Zugehörigkeitsgefühl der Menschen zum Lebensraum des Dorfes und Ihre
Beheimatung in der Region zu stärken. Als „identitätsfestigende
Einrichtungen“ werden vor allem die Kirchengemeinden, die Ortsvereine, so wie
Kindergärten und Schulen genannt.
Lasst
wenigstens die Kirche im Dorf lautet deshalb die dringliche Bitte vieler
Menschen. Die Befürchtung, dass sich mit der zur Zeit diskutierten
Kirchenreform auch die Kirche zurückzieht hört man überall.
II. Die Dörfer im Dorf und die
kulturvermittelnde Aufgabe der Kirche
Ein
Dorf, so klein und überschaubar es auch sein mag, hat seine eindeutige Prägekraft
verloren. Auf der einen Seite hat der Traditionsabbruch auf dem Land längst
eingesetzt und Orientierungsverluste mit sich gebracht, auf der anderen Seite
ist die Vielfalt der unterschiedlichen Lebensformen und Überzeugungen
eingewandert. Das Dorf ist weder „heile Welt“, noch Geborgenheitsreservat.
Es ist auch keine eigenständige Lebenswelt, sondern auf die geographischen und
sozialen Umwelten bezogen. Diesen Zustand versucht man mit dem Begriff des
„regionalen Dorfes“ bzw. „der Dörfer im Dorf“ auszudrücken. Man kann
die unterschiedlichen Verhaltensformen, Orientierungen und Milieus in vier so
genannte Kulturkreise idealtypisch kategorisieren.[2]
1. Die Altdörfler
Darunter
sind die „Einheimischen“ im Dorf zu verstehen. Es sind Menschen, deren
Herkunftsfamilien und Bekanntschaftsnetze im Dorf sind. Sie fühlen sich mit dem
Dorf und seinen Traditionen verbunden und haben ein hohes Zugehörigkeitsgefühl.
Früher stellten sie in der Regel auch die Honoratioren wie Bürgermeister,
Ortslandwirt und Vereinsvorsteher. Sie sind an den Traditions- und
Legitimationsorten orientiert, dem Rathaus (solange es im Dorf war), dem
Gasthaus mit seinen meinungsbildenden Stammtischen, der Kirche. Die Altdörfler
erleben und bedauern den Traditionsabbruch am stärksten. Von der Kirche
erwarten sie eine Unterstützung für ihre traditionsgelenkte Lebensform.
2. Die Neu – Dörfler
Eine
stark zunehmende Gruppierung sind Neubürger im Dorf. Oft sind es Menschen, die
aus der Metropole wegen der Naturnähe, aus Gründen der Ruhe oder für die Zeit
der Kinderaufzucht in den ländlichen Raum ziehen. Sie stellen in vielen Dörfern,
die im Umland der Metropolen liegen, die Mehrheit der Bevölkerung. Diese Neubürger
orientieren sich ganz anders als die Altdörfler an individuellen Interessen.
Sie wollen, dass das Dorf ihnen das bietet, was sie erwarten. Man kann das
Bewegungsdreieck mit dem Partykeller (für ausgesuchte Freunde), einem
Interessenverein (Trimm-Dich, Golf, Tennis) und dem Zweitwagen, den sie wegen
der hohen Mobilität brauchen, kennzeichnen. Das Traditionsdreieck der Altdörfler
ist ihnen fremd, ja suspekt. Sie wollen sich auch nicht in die traditionelle
Dorgemeinschaft (Gesangverein, Feuerwehr, Schützenverein) einbringen. Sie
entwickeln kaum ein Zugehörigkeitsgefühl zum Dorf oder ein Wir-Bewusstsein.
3. Die emanzipierten Dörfler
Eine
dritte Gruppierung kann man als emanzipierte Dörfler bezeichnen. Es handelt
sich oft um jüngere Menschen – besonders Frauen –, die eine neue Ländlichkeit
und Lust am Dorf mitbringen. Sie sind nicht an der traditionellen, ländlichen
Agrarkultur interessiert, aber am Dorf als regionalem Lebensraum. Sie suchen
gemeinsame Handlungsorte im Dorf. Sie engagieren sich in Bürgerinitiativen,
z.B. zur Einrichtung von Krabbelgruppen oder eines Waldkindergartens, die
Wiedereröffnung von Dorfschulen, Läden oder Selbstvermarktungshöfen. Man könnte
sie als Anhänger einer neuen, ländlichen sozialen Bewegung bezeichnen. Sie
haben zwar eine gebrochene und auf Zeit begrenzte Identität mit dem Dorf, ihr
Interesse gilt aber der Gestaltung des dörflichen Lebens insgesamt. In diesem
Bewusstsein gibt es Berührungspunkte mit den Altdörflern und gelegentlich auch
Handlungskoalitionen.
4. Die Rand – Dörfler
Eine
vierte Gruppe stellen Randsiedler des Dorfes, die meist isoliert leben. Ob es
die abwertend bezeichneten „Dorfdeppen“ sind oder zwangsweise Zugewanderte
wie Aussiedler oder Asylsuchende. Sie leben ohne innere Zugehörigkeit zum Dorf,
bleiben Randsiedler und heimatlos.
Sie
finden sich in ihrer Heimatlosigkeit zusammen in Gartenhütten am Ortsrand, in
ihrem eigenen Kultverein (Fanclub). Sie spielen für die aktive Gestaltung des dörflichen
Lebens keine Rolle. Sie werden aber, wenn ihre Zahl nicht zu groß ist,
geduldet. Mit dem Dorf verbindet sie meist eine negative Identität.
Wenn
man das dörfliche Leben im Horizont dieser 4 „Kulturkreise“ begreift, wird
klar, dass es ein Lebensraum sozialer Umbrüche und Spannungen ist. Eindeutige
Orientierungen sind der Vielfalt und Widersprüchlichkeit gewichen.
Auseinandersetzungsfähigkeit ist angesagt, die auf der Anerkennung der neuen
Pluralität des Dorfes basiert. Es geht in einer nachhaltigen Entwicklung des dörflichen
Lebens nicht um die Frage welches Milieu sich durchsetzt, sondern um die gegenseitige Vermittlung der
Lebensformen, um die Vernetzung der verschiedenen kulturellen Prägungen. Dieser
kulturvermittelnden Aufgabe sollte sich meines Erachtens die Kirche stellen.
Denn sie ist mit ihrer Botschaft an den Menschen gewiesen, dessen Wert nicht in
ökonomischer Nutzbarkeit oder einer spezifischen kulturellen Prägung liegt,
sondern in seiner Gottebenbildlichkeit und Versöhnungsfähigkeit.
Die
Kirchengemeinde im Dorf kann Forum für diesen Diskurs sein, da sie nicht
partikulare sondern verbindende Interessen verfolgt. Pfarrerinnen und Pfarrer
sollten „Lotsen“ zwischen den unterschiedlichen „Kulturen“ sein, um so
verständniswerbend und vermittelnd zu einer gemeinsamen Kultur der
Menschlichkeit beizutragen.
Ein
Beispiel:
In
einem Dorf gab es Streit zwischen Vereinen um den Termin und die Gestaltung der
Kirmes. Als sich keine Lösung in dem Konflikt finden ließ, gingen ein paar
Leute zum Ortspfarrer. „Herr Pfarrer, sie müssen sich da einmischen; die
Kirche ist doch überparteilich und steht für Versöhnung!“ Mit dieser Bitte
war ein durchaus richtiges Empfinden für die Aufgabe der Kirche beschrieben.
Sie vertritt keine partikularen oder gruppenspezifischen Interessen. Sie soll
dabei helfen, dass unterschiedliche Milieus und Lebensanschauungen in
konstruktive Beziehung kommen. Nicht die einseitige Zugehörigkeit zu einem
Milieu sondern deren Vermittlung beschreibt die Aufgabe der Kirche im Dorf.
Die
Kirchengemeinde wird damit zum Forum für einen Diskurs über die
unterschiedlichen Lebensentwürfe. Das dahinter stehende Leitbild ist die
Beheimatung aller Menschen im Ort, die versöhnte Gemeinschaft bei
unterschiedlichen biographischen, religiösen und kulturellen Prägungen.[3]
Die
dargelegte kulturorientierte Aufgabenstellung der Kirche geht über religiöse
Dienstleistung (etwa Sonntagsgottesdienst und Kasualie) hinaus. Sie ist ein ständiger
Prozess hilfreicher und deutender Begleitung von Menschen in einem sich
wandelnden Lebensraum.
III. Lebensraumorientierung und
nachbarschaftliche Zusammenarbeit als
Chance
So
kann es nicht weitergehen; es muss sich etwas ändern. Diese Meinung kann man
angesichts der gegenwärtigen Lage der Kirche überall hören. In dem
Impulspapier der Ev. Kirche in Deutschland wird für das Jahr 2030
prognostiziert, dass die Ev. Kirche dann nur noch ca. 60 % der heutigen
Mitgliederzahl aufweist und 50 % der gegenwärtigen Finanzkraft. Die Bevölkerung
nimmt in manchen ländlichen Regionen rapide ab. Die bisherige Dichte von
Pfarrstellen ist auch in den ländlichen Räumen kaum zu erhalten. Was ist zu
tun? Eine Reform der Kirche, die sich an den Lebensformen der Menschen und ihren
Lebenswelten orientiert, ist angesagt. Wenn die Kirche ihrem Auftrag, die versöhnende
Liebe Gottes zu allen Menschen zu bringen treu bleiben will, wenn das „Gerücht
von Gott“ nirgends verstummen
soll, dann muss sie Volkskirche in der Nähe der Menschen sein und sich auch
entsprechend organisieren.
Bei
einer angemessenen perspektivischen Entwicklung ist m. E. unerlässlich über
die Vernetzung von kleinen Gemeinden im ländlichen Raum nachzudenken, die Verknüpfung
von Parochialsystem und Region und die strukturelle Verbindung von lokalen und
regionalen /funktionalen) Diensten zu organisieren. Die folgenden Gedanken geben
einen Einblick in die gegenwärtigen Reformbemühungen der Ev. Kirche in Hessen
und Nassau.[4]
1. Die Notwendigkeit einer Kirchenreform
Zunehmender Pluralismus und Individualismus
In
allen Lebensbereichen (Konsum, Lebenseinstellungen, Weltanschauungen und religiösen
Überzeugungen) haben sich die Möglichkeiten vervielfacht. Der sog.
Differenzierungsschub verschafft uns immer mehr Wahlmöglichkeiten, setzt aber
gleichzeitig alle unter permanenten Entscheidungsdruck. („Wer die Wahl hat,
hat die Qual“).
Relevanzverlust der Kirche in der Öffentlichkeit
In
der sich ständig wandelnden, offenen Gesellschaft werden die seelsorgerlich
begleitende Kompetenz der Kirche und ihre lebensdeutende Botschaft relativiert.
Kirche ist eine normative Organisation neben anderen, ein sozialer
Faktor unter anderen, eine Stimme im Chor ethischer Ansprüche und
Einstellungen.
Zurückgehende finanzielle Ressourcen
Die
Kirche hat Anteil an der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung: Privater
Reichtum wächst bei gleichzeitig schwindenden öffentlichen Geldern. Steuerausfälle
und abnehmende Mitgliederzahlen bewirken große Finanzlücken in den Budgets.
Deshalb geht nicht mehr alles, was bisher ging.
Fazit:
Die Kirchen müssen bei abnehmender gesellschaftlicher Relevanz und zunehmendem
Finanzdruck Reformen durchführen mit dem Ziel, sich den Menschen in ihren
jeweiligen Lebenssituationen mit der lebensdeutenden Botschaft der Bibel
erkennbar und verständlich zu machen, um neue Akzeptanz zu gewinnen. Dabei ist
eine deutliche Differenzierung zwischen der Kirche in der Stadt und auf dem Land
zwingend.
2. Die Entdeckung der „mittleren Ebene“
Bei
den Reformbemühungen, die in der Schrift „Person und Institution“[5]
ein erstes Dokument hatte, wurde die sog. Mittlere Ebene
(Dekanat/Kirchenkreis) zu einem wesentlichen Element. Die Kirchensynode
(1992-1998) hatte einen Ausschuss zur „Neuorientierung der mittleren Ebene“
eingesetzt. Später wurde verkürzt von der „Stärkung der mittleren Ebene“
geredet und demzufolge nur noch
statistisch von größeren Einheiten, Fusionen, Anpassung an staatliche Gebietskörperschaften
(Landkreis) oder der besseren Verwaltbarkeit geredet. Mindestens in den ländlichen
Lebensräumen weckte ein solcher Ansatz Erinnerungen an gesellschaftliche
Reformen mit zentralistischen Intentionen, welche den kleinen Lebenseinheiten (Dörfern)
vieles genommen haben, wie es im Teil I schon dargestellt wurde.
Ziel
einer Kirchenreform darf auf diesem Erfahrungshintergrund gerade nicht eine
bessere zentralistische Verwaltbarkeit sein oder eine effektive
Durchgriffsorganisation, sondern die Entwicklung eines Leitbildes für die
Kirche in der Region, für die mittlere Ebene der Organisation. Das Prinzip der
Subsidarität muss dabei leitend sein. Die Frage nach der Zuständigkeit –
welche Aufgabe und welcher Dienst gehört auf welche Ebene - ist zu beantworten.
Eine
Leitbildentwicklung, eine Theologie der Region hilft im Ansatz dazu, dass sich
die Organisation nach innen (Kirche in der Region, im Dekanat, im Kirchenkreis)
der gemeinsamen Sache vergewissert und nach außen in die jeweilige Lebenswelt
mit ihrer Botschaft erkennbar darstellt.
Die
Lebenswelten und Lebensbedingungen der Menschen innerhalb und außerhalb der
Kirche sind in verschiedenen Regionen unterschiedlich, z. B. in Städten und ländlichen
Regionen, in den alten und neuen Bundesländern, in Regionen mit Bevölkerungszuwachs
oder Abwanderungen.
Die
gegenwärtige Kirchenreform muss sozialräumlich und an den Lebensbedingungen
der Menschen orientiert sein. Primäre Fragen in den Reformbemühungen sind
deshalb: Wie leben die Menschen vor Ort? Was sind ihre alltäglichen
Lebensbedingungen? Welche Erwartungen haben sie an die Kirche? Wie ist eine
zuverlässige Präsenz der Botschaft zu organisieren? Die mittlere Ebene ist in
dem Reformprozess deshalb so wichtig geworden, weil in dem überschaubaren
nachbarschaftlichen Raum, den man bei aller Definitionsschwäche des Begriffes
als Region bezeichnen kann, die primären Kontakte der Menschen stattfinden
(wohnen, feiern, Freizeitverhalten) und eine innere Zugehörigkeit, Beheimatung
empfunden wird. Eine Region wird nicht durch äußerliche Abgrenzung definiert,
sondern durch das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen. In einer solchen
abgrenzungsschwachen Region können die primären Kontaktfelder (Gemeinde, Dörfer)
sich gegenseitig ergänzen und die Menschen sichder gemeinsamen Sache
vergewissern.
Ein
Dekanat (Kirchenkreis) ist eine Gemeinschaft von Gemeinden, ein Ermöglichungsraum
und nicht mehr nur die organisatorische Addition einzelner Parochien. Deshalb
verfolgt das (in der EKHN) 1998 beschlossene Dekanatsstrukturgesetz die Kooperation
in regionaler Verantwortung.
Die
wesentlichen Grundsätze für die Kirche in der Region sind:
-
Erhalten und fördern der Kirche in der Nähe der Menschen
-
Förderung der Selbstorganisationskräfte in der Region
-
Nutzen und erhalten der Kleinräumigkeit
und nachbarschaftlichen Hilfe
-
Regionalisierung der Inhalte und Ziele der kirchlichen Arbeit
-
Regionale Entscheidung über Personaleinsatz und Finanzmittel
(eigenes Budget und Personalpool)
-
Zielklare Kooperation von Gemeinden, Diensten und Einrichtungen in
der Region (gemeinsame Konzeption)
-
Entwicklung einer flexiblen Angebots- und Arbeitsstruktur, welche
die Nachhaltigkeit von gemeindlichem Leben fördern (gemeinsame Strategie)
-
Erhalten der Parochien auf dem Land bei nachbarschaftlicher
Kooperation
3. Offene Fragen im Prozess regionaler
Kooperation
Parochiales Kirchturmdenken versus regionale
Zusammenarbeit
Es
wird oft behauptet, die Kirche in der Region schwäche, bzw. vernachlässige die
Ortsgemeinden. Als Beleg dafür wird (in der EKHN) angeführt, dass
Gemeindepfarrstellen in den Dörfern abgebaut, aber gleichzeitig regionale
Pfarrstellen eingerichtet worden sind, z. B. Fachstellen für Öffentlichkeitsarbeit
im Dekanat oder Dekanatverbünden, für gesellschaftliche Verantwortung der
Kirche, für den Bildungsauftrag der Kirche oder ihre missionarische Kompetenz.
Nun
wissen wir längst, dass in der Regel keine Ortgemeinde den vielfältigen religiösen
Bedürfnissen ihrer Mitglieder gerecht werden kann. Die Fakten über die
Begrenztheit des eigenen gemeindlichen und pastoralen Handelns sind uns bekannt.
Nur scheint die Veränderungsintelligenz, die nachbarschaftliche ergänzende
Kooperation beflügelt, unter Nachbarschaftsneid und Konkurrenzdenken wie gelähmt
zu sein. Die Chance gegenseitig stützender und ergänzender Kooperation kann
man niemandem aufschwätzen, die muss man entdecken und erproben. Deshalb können
Kirchenleitungen regionale Kooperation nicht verordnen, die muss man vor Ort
wollen und in regionaler Verantwortung entwickeln und erproben.
Regionale Kooperation braucht Anreize
„Wenn
wir etwas zusammen machen, muss für uns ein ‚Gewinn’ herausspringen.“
Diese Meinung eines Kirchenvorstehers ist durchaus richtig. Das heißt aber,
dass zur Erprobung nachbarschaftlicher Kooperation Modelle entwickelt werden müssen,
die zunächst auch Geld kosten. Anschubfinanzierung, Beratungs- und
Supervisionskosten fallen an.
Solche
Kooperationsmodelle müssen aber in regionaler Verantwortung entwickelt und
erprobt werden und nicht unter zentraler administrativer Steuerung.
Auf
Dauer liegen die „Gewinne“ der regionalen Kooperation in der besseren
Ressourcennutzung der Teilbereiche (Gemeinden) und der Mitarbeitenden, in der
gemeinsamen Profilierung (der Kirche in der Region) und in der gemeinsamen
strategischen Entwicklung.
Deshalb
ist die regionale Kooperation von ihrem Denkansatz her visionär-perspektivisch
und nicht erfahrungsorientiert urteilend. Zu denken, alles, was sich bisher bewährt
hat, müsse erhalten bleiben, hieße die Vergangenheit bis in die Zukunft zu
verlängern. Stattdessen müssen die Visionen von der Kirche der Zukunft (wie
sie unseres Erachtens nach sein soll) in die Gegenwart geholt werden, das heißt
aus der Zukunft denken, entscheiden und handeln. Dazu bedarf es der Erprobungsräume für Strukturveränderung, der
Fehlerfreundlichkeit statt rigider Sanktionen, regionalen und modellbezogenen
Denkens statt flächendeckender Gleichförmigkeit.
Methodisch
sind dazu Leitbildprozesse, Zukunftswerkstätten u. ä. günstig. Diese zu ermöglichen,
wäre ein Anreiz für regional kooperatives Handeln.
Die Nachbarschaft der pastoralen Räume.
„Wozu
bin ich denn noch in der Kirche, wenn es keinen Pfarrer mehr gibt, der für uns
da ist?“ Diese Meinung haben vielen Menschen, besonders im ländlichen Raum.
In erster Linie sind ihre Erwartungen an die Kirche mit der zuverlässigen Präsenz
und Erreichbarkeit von Pfarrerinnen und Pfarrern verbunden. Diese Erwartung muss
nicht unbedingt zu der Forderung „jedem Dorf seinen Pfarrer“ führen. Es
bedeutet aber, dass die Menschen für die Kernaufgaben im Pfarrberuf
(Gottesdienst, Amtshandlungen, Unterricht, Lebensbegleitung) eine bekannte
Person zuverlässig erreichen können müssen. Bei dünner werdender
Personaldecke zwingt das zu nachbarschaftlicher Kooperation. Dafür steht der
Strukturbegriff der pastoralen Räume. Gemeint ist damit, dass Pfarrstellen im
Nachbarschaftsbereich so miteinander verbunden werden, dass die Pfarrerinnen und
Pfarrer nicht nur in der „eigenen“ Gemeinde, sondern im pastoralen Raum
bekannt und durch ihre Arbeit den Menschen vertraut sind. Sie verstehen die
„eigene“ Gemeinde nicht mehr
als ausschließliches Berufsfeld, sondern die Gemeinden im Verbund als
gemeinsames Handlungsfeld. In dieses kooperative Verbundmodell sind auch andere
pastorale (Fach)Stellen und kirchliche Berufe (Gemeindepädagoge, Kirchenmusiker
…) einbezogen. Solche Kooperation würde
nicht nur die gemeinsame Aufgabe der Kirche in der jeweiligen Lebenswelt
zum Thema machen, sondern auch die Isolation von Gemeinden und Ortspfarrern überwinden
helfen.
Die Verbindung pastoraler und andrer
kirchlicher Dienste
Es
ist deutlich, dass es im nachbarschaftlichen pastoralen Raum eines gemeinsamen
Leitbildes für die lebensraumorientierte und menschennahe Arbeit der Kirche
bedarf. Die enge Kooperation aller kirchlichen Arbeitsstellen und Dienste ist
die logische Konsequenz. Es geht einerseits um die zuverlässige Dienstleistung
in den Ortgemeinden (Gottesdienst, Amtshandlungen, Seelsorge), andererseits um
die nur noch gemeinsam zu bewältigende Aufgabe kirchlicher Kulturträgerschaft
in dem jeweiligen Lebensraum.
Dekanate/Kirchenkreise
sind die Gemeinschaft der unterschiedlichen Gemeinden (Orts-, Situations-,
Personal-Gemeinden) mit der gemeinsamen Aufgabe, die Kirche in der Nähe der
Menschen darzustellen. Regionale Kooperation ist eine perspektivische und
strategische Aufgabe und nicht eine formal-strukturelle und bürokratische
Unternehmung.[6]
IV. Schlussfolgerungen
Aus
den oben entfalteten Gedanken ziehe ich vier Folgerungen, die ich in einen
perspektivischen Diskurs um künftiges kirchliches Handeln einbringen möchte
1. Von der Ortsgemeinde zum
nachbarschaftlichen Gemeindeverbund
Nachbarschaftliche
Zusammenarbeit ist nicht nur für die Kirche in ländlichen Räumen angesagt.
Sportvereine bilden Spielgemeinschaften aus mehreren Dörfern, Chöre singen
mangels Sängerinnen und Sänger gemeinsam, Zweckverbände schließen sich zu
bestimmten Aufgaben (Abwassersysteme, diakonische Betreuung der Menschen,
Schulbezirke) zusammen. Alleine kriegen wir es nicht hin, aber gemeinsam
schaffen wir es. Nach diesem Motto war Nachbarschaft schon immer ein hoher Wert
im ländlichen Leben.
Dieses
Prinzip gegenseitiger Ergänzung und Unterstützung sollte auch in der Arbeit
der Kirche auf dem Land gelten. Man kann nicht in jeder (kleinen) Ortsgemeinde
eine große Auswahl gemeindlicher Angebote vorhalten. Wenn zu wenig Sängerinnen
für einen Chor da sind, die Zahl der Jugendlichen für eine Konfirmandengruppe
zu klein ist, die Zahl der Gottesdienstbesucher so klein ist, dass man nicht
mehr vom Feiern, sondern dem Erleiden reden muss, dann ist nachbarschaftliche
Zusammenarbeit ein Gebot der Stunde. Kooperation statt Rivalität und Konkurrenz
legt sich für die Ortgemeinden und den Pfarrberuf nahe, der auf dem Land die
kirchliche Kernkompetenz bleiben wird.
Was
bedeutet das?
a)
Die Ortsgemeinde bleibt als primärer Kontaktbereich wichtig. Parochien
bleiben erhalten. In ihnen werden Verkündigung (Gottesdienste), Kasualien und
Seelsorge vorwiegend wahrgenommen. Pfarrerinnen und Pfarrer sind als
Ansprechpartner für die Menschen – nicht nur in der „eigenen“ Gemeinde
da.
b)
Es werden Nachbarschaften (Gemeindeverbände, Kirchspiele) gebildet, die
Landschaftsformen, Entfernungen und die Geschichte der Dörfer berücksichtigen.
Ein kirchlicher Nachbarschaftsverbund wird eher im Sinne eines funktionstüchtigen
Raumes organisiert als einfach nach Seelenzahl bemessen. Für welchen Raum ist
z.B. eine gemeinsame Diakoniestation funktionstüchtig oder eine gemeinsam
getragene Jugend- und Konfirmandenarbeit.
c)
Pfarrerinnen und Pfarrer bringen sich in die nachbarschaftliche
Kooperation ein. Sie arbeiten in der kooperativen Gruppe, in der die speziellen
Begabungen und Erfahrungen Einzelner von allen genutzt werden können und alle
durch gelegentlich gemeinsames Agieren (besondere Gottesdienste, Feste,
Projekte) emotionale Stabilisierung, durch Kommunikation und Erfolg erfahren.
Nach ersten modellhaften Versuchen kann man sagen, dass mindestens drei Kollegen
und Kolleginnen einen solchen nachbarschaftlichen Pool bilden sollten. Ich
arbeite in einem 5 Personen umfassenden „Team“ (3 ganze, 2 halbe
Pfarrstellen) in einer Region, die 14 Dörfer umfasst. Wir sind durch
wechselseitige Vernetzung und gemeinsame Aktionen alle fünf in allen Dörfern
bekannt, so dass es wenig Akzeptanzprobleme bei den Gemeinden gibt.
d)
Übergemeindliche Funktionspfarrstellen (SchulseelsorgerInnen,
KrankenhauspfarrerInnen) und andere in der Region ausgeübte kirchliche Berufe
(Kirchenmusiker, Jugendreferenten, Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat) werden in
die nachbarschaftliche Kooperation strukturell und nachhaltig einbezogen. Als
ein Modell für die Zukunft des Pfarrberufes schwebt mir vor, dass jede und
jeder im Pfarrberuf sowohl in Ortsgemeinden als auch in der Region berufliche
Aufgaben wahrnimmt, gemeindliche und übergemeindliche Funktionen ausübt.
2. Die Kooperation mit anderen identitätsstärkenden
Institutionen
Eine
Stärke der ländlich geprägten Lebenszusammenhänge liegt in der bindenden
Kraft, welche die Beheimatung in der dörflichen Gemeinschaft fördert und die
Liebe zu Landschaft und Lebensraum stärkt.
„Bei
uns soll jede und jeder Heimat, Bildung und Identität finden“, lautet das
formulierte Leitbild einer dörflichen Gemeinde. Die Kirchengemeinde ist aber
nicht die einzige identitätsstärkende Institution. Zur Identität mit dem Ort
und zur sozialen Geborgenheit in ihm tragen auch andere bei, z.B. die
Ortsvereine, Dorferneuerungsbeiräte, Landfrauen oder andere regionale
Agendagruppen. In einer Denkschrift des Europarates zur Weiterentwicklung der ländlichen
Räume werden insbesondere als identitätsstärkende soziale Institutionen die
Kirchen, die Vereine, die Kindergärten und die Schulen genannt.[7]
Es
legt sich eine Kooperation zwischen diesen Institutionen nahe, um das Ziel, dass
die Menschen eine geistliche, soziale und emotionale Heimat in ihrem Lebensraum
finden, zu erreichen. Meines Erachtens müsste die Kirche als die allgemein
anerkannte kulturtragende Institution diese Kooperation wollen und entwickeln.
3. Stadt, Land, Umland
Die
EKD-Studie „Wandeln und Gestalten“ zeigt wie unterschiedlich ländliche
Lebensräume sind. Ich plädiere deshalb für eine differenzierte Betrachtung
der urbanen, suburbanen und ländlichen Räume, in denen die Kirche handelt.
Wenn wir eine offensive und öffentliche (Volks)kirche bleiben wollen, ist eine
differenzierte Sicht der unterschiedlichen Lebenswelten nötig, um diese zu
verstehen und dann angemessen in der Nähe des Menschen zu handeln. Die
differenzierte Sicht wird nicht durch statistische Vergleiche erreicht (etwa Bevölkerungszahl,
Wachstum oder Rückgang) sondern durch die Beschreibung der Lebensvollzüge. Was
ein Mensch alltäglich erlebt, bestimmt sein Empfinden, seinen Glauben und seine
Lebensorganisation. Wer sein Dorf um 4:00 Uhr verlässt, um den bezahlten
Arbeitsplatz auf dem Frankfurter Flughafen anzufahren und abends, wenn es wieder
dunkel ist heimkommt, lebt anders als jemand, der seine Stadt auch bei Nacht
hell erleuchtet mit allen Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten durchschreitet.
Ein Kind, das in 10 Minuten zu seiner Grundschule gebracht wird oder gehen kann,
erlebt anders als eines das täglich 2 x 45 Minuten in einem überfüllten
Schulbus über mehrere Dörfer gekurvt wird.
Oft
wird gesagt: Die Grundbedürfnisse und Befindlichkeiten der Menschen in Stadt
und Land seien sehr ähnlich: Essen und trinken, arbeiten und wohnen, geboren
werden und sterben. Doch das ist eine zu oberflächliche Betrachtung. Erstens
ist geboren werden und sterben nicht überall dasselbe (man besuche nur einmal
Beerdigungen in einer Großstadt oder in einem Dorf). Zweitens organisieren die
Menschen ihre Lebensbedürfnisse – auch die geistlichen und religiösen – in
den gegebenen Lebenswelten anders.
In
der Regel geht ein frommer Mensch auf dem Land am Sonntag zum Gottesdienst in
seine (Dorf)kirche. In der Stadt stehen ihm in 10 Minuten zu Fuß erreichbar
mehrere Kirchen offen. Im ländlichen Lebensraum steht für die Institution
Kirche neben dem Kirchengebäude der Pfarrer/die Pfarrerin, die man kennt. In
der City sind Gehörigkeit und Zuständigkeit in Einzelgemeinden oft unübersichtlich
und uneinsichtig. Für die Menschen auf dem Land und dementsprechend auch für
kirchliches Handeln dort haben Naturnähe und Landschaft, Jahresrhythmus und
Feste, Zeit und Zeiten andere Bedeutung als in urbanen und suburbanen Lebensräumen.
Für den Pfarrberuf in ländlichen
Lebenszusammenhängen
ist es gut, sich in die Lebensvollzüge vor Ort einzufühlen und einzubringen,
die Einstellungen der Menschen wahrzunehmen, zu verstehen und dann von der
biblischen Botschaft her angemessen zu deuten. „Wir wollen einen Pfarrer, der
mit uns lebt und für uns da ist und nicht einen, der nur Programme auf uns
runterlässt“ (Zitat eines Ortslandwirts)
4. Ländliche Räume verstehen
Gedanken zu einer „Theologie der Vielfalt und der Region“
Der
Begriff des „Raumes“, den Geographen und Naturwissenschaftler als Thema für
Lebensvollzüge und –gestaltung wieder zum Thema gemacht haben, ermöglicht
vielfältige Zugänge.[8]
Raum
ist nicht nur ein geographischer Begriff – etwa wie ein „Behälter“, in
dem dann bestimmt Ereignisse stattfinden. Raum ist immer „erlebter Raum“,
dem Menschen materiale Gestalt (Kulturlandschaft) verliehen haben und historisch
konstituierten (Geschichte). Der Lebensraum, in dem Menschen sich vorfinden und
handeln, ist immer ein kultureller und spiritueller Ausdruck ihres Seins.[9]
Deshalb
muss man die unterschiedlichen Regionen, ihre kulturellen und religiösen
Eigenheiten in die theologische und ekklesiologischen Reflexion einbeziehen.
Welche religiösen Bewegungen gab es in einer Region? (z.B.
Erweckungsbewegungen, Glaubensflüchtlinge, Klöster und Orden, spezifische Frömmigkeitsformen).
Welche Fragen und Lebensvollzüge bestimmen die Menschen jetzt in ihrer
Einstellung? (z.B. Verordnetes Pendlerdasein, Pflege und Nutzung der Landschaft
– darf man Getreide verbrennen? – sterben die Dörfer?)
Die
lebensdeutende Botschaft der Bibel in die (jeweilige) „Welt“ zu tragen,
fordert aber eben diese Welt sensibel wahr zu nehmen, sie theologisch zu
reflektieren und zu verstehen und dann angemessen zu handeln und zu gestalten.
Wenn
der Ausgangspunkt des Diskurses die Differenz ist, d.h. die Unterschiedlichkeit
der Lebensräume und –vollzüge, dann kann die theologische Reflexion wohl nur
ein Beitrag zur Beschreibung und Vergewisserung der Vielfältigkeit sein.
Da
die Lebensvollzüge einzelner Menschen wie auch die religiösen und kulturellen
Deutungsmuster vielfältig sind, kann auch die Ortsgemeinde und noch mehr die
Region nur ein Spiegel der Vielfältigkeit sein. Nach dem biblischen Leitbild für
die christliche Gemeinde (der versöhnten Vielfalt der Glieder im Leibe Christi)
wird die örtliche und nachbarschaftliche Kirchengemeinde zum „Raum“ in dem
dialogisch und diskursiv unterschiedliche Lebensformen und Frömmigkeitsstile
aufeinander bezogen werden und gelten dürfen.
Der
theologischen Reflexion, die eine lebensraumorientierte Wahrnehmung mit der
biblischen Botschaft konfrontiert und daraus angemessene Perspektiven für ein
zukunftsorientiertes Handeln der Kirche entwickeln wird, sollten folgende
Einsichten zugrunde liegen:
-
Dissenserlaubnis statt Konsensbehauptung (es ist nicht überall
alles dasselbe weder im Denken und Fühlen, noch im Wissen und Handeln)
-
Uns eint der Geist der Freiheit, d.h. eine offensive und
konstruktive Toleranz
-
Auseinandersetzungskompetenz und Konfliktfähigkeit sind wichtiger
als Anpassungstendenzen und Gleichheitszwänge
-
Offenes und faires Streiten rangiert vor Lobbyismus und verdeckten
Machtkämpfen
[1] Vgl. dazu die gerade erschienene Broschüre der Ev. Kirche in Deutschland „Wandeln und gestalten“ EKD-Texte Nr. 87, Missionarische Chancen und Aufgaben der Evangelischen Kirche in ländlichen Räumen.
[2] Das Modell verdanke ich Albert Herrenknecht, Pro Provincia Institut Boxberg. Die regionale Dorfgesellschaft in: Fachtagung Dorferneuerung in Hessen 1998, herausgegeben vom Hess. Landesamt für Regionalentwicklung 1999, S. 18 ff.
[3] Vgl. dazu auch „Kirche der Freiheit“, Impulspapier der Ev. Kirche in Deutschland, 2006 bes. S. 49 ff.
[4] Vgl. dazu auch „Kirche in Bewegung“, Hrsg. Gemeindekolleg der VELKD, Celle, Nov. 2005.
[5] Person und Institution, Volkskirche auf dem Weg in die Zukunft; Hrg. von der Ev. Kirche in Hessen und Nassau; Ev. Presseverband Frankfurt/Main Sept. 1992.
[6] Vgl. zur generellen Frage der „Regionalisierung in der Kirche“ epd Dokumentation Nr. 3, 16.1.2007 Regionalisierung in der Kirche – Zukunftsmodelle und Sackgassen“
[7] Europäische Charta für den ländlichen Raum, Agrarausschuss des Europarates, Straßburg Nov. 1994.
[8] vgl. R. Bormann; Raum, Zeit, Identität; Opladen 2001 (S. 247 ff); vgl. C. Sturm; Weg zum Raum; Opladen 2000.
[9] vgl. Kai Hansen; Evangelische Kirche in ländlichen Räumen; Schenefeld 2005; S 64 ff.
Der Autor Ulf Häbel – promovierter Theologe - lebt seit 1990 in dem hessischen Vogelsbergdorf Laubach-Freienseen. Er betreut mit einer halben Stelle als Dorfpfarrer zwei Gemeinden und betreibt in dem Dorf Freienseen eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung seiner Familie. Ein zusätzlicher Dienstauftrag als Gemeindeberater/Kirchliche Organisationsentwicklung beschäftigt ihn mit Reform- und Strukturfragen der Kirche (insbesondere im ländlichen Raum). Er gehört seit 20 Jahren der Kirchensynode der EKHN an, arbeitet in mehreren Projekten der Strukturreform mit und leitet seit 15 Jahren den Theologischen Ausschuss. Im Hessischen Rundfunk arbeitet er im Bereich Kirchliche Sendungen (Zuspruch am Morgen, Ev. Morgenfeier) mit. Veröffentlichungen zu Kirchenreform und Strukturfragen insbesondere für die ländlichen Räume.
Der Aufsatz von Ulf Häbel ist 2007 erschienen in: Wolfgang Nethöfel/Klaus-Dieter Grunwald (Hgg.), Kirchenreform strategisch!