Netzwerk Kirchenreform - Wednesday, 7. January 2009
Druckversion der Seite: Kirche in der Nähe der Menschen
URL: www.netzwerk.kirchenreform.net/kirche_in_der_naehe_der_menschen.html

Kirche in der Nähe der Menschen

Die kulturtragende Aufgabe der Kirche im ländlichen Raum

  

Häbel

Ein Beitrag von Pfarrer Dr. Ulf Häbel in "Kirchenreform strategisch!"

  

  

Mit diesem Aufsatz möchte ich zu der Diskussion beitragen, welche Perspektiven die Arbeit der Kirche in den kleinräumigen ländlichen Strukturen hat. Dabei spielt meines Erachtens die Frage nach der nachbarschaftlichen Kooperation in der Region eine wichtige Rolle. Die folgenden Gedanken sind aus meiner langjährigen Erfahrung als Dorfpfarrer abgeleitet und in entsprechenden Arbeitsgruppen unter organisationsentwickelnden Gesichtspunkten vielfach diskutiert worden.

Vor siebzehn Jahren bin ich mit meiner siebenköpfigen Familie aufs Land gezogen. Seitdem bin ich mit halber Anstellung Dorfpfarrer in einem kleinen Ort im Vogelsberg. Neben dem Pfarrberuf betreibe ich eine bescheidene Selbstversorgerlandwirtschaft – früher nannte man das eine Nebenerwerbslandwirtschaft. Mein Interesse gilt aber besonders der Frage nach dem Leben auf dem Land und der Rolle der Kirche darin.

Wenn ich in Synoden oder anderen kirchlichen Gremien vom Landleben oder von der Kirche im Dorf rede, wird das (häufig von Städtern) mit der Bemerkung „idyllisch“ kommentiert. Doch mich interessiert nicht die vermeintliche Idylle des Lebens auf dem Land und auch nicht die oft behauptete traditionsorientierte Position der Kirche im Dorf. Mich interessiert die Frage nach den Perspektiven der Menschen, die in ländlichen Lebensräumen daheim sind, und welche Aufgaben der Kirche mit ihrer lebensdeutenden und sinnstiftenden Botschaft dabei zufallen. Es ist klar, dass man dabei nicht verallgemeinernd von dem Dorf oder pauschal vom Land reden kann. Ländliche Räume sind sehr unterschiedlich geprägt und dementsprechend die Lebensvollzüge der Menschen darin auch.[1]

 

 

I. Auf dem Land daheim

 

Dörfer waren einmal relativ eigenständige Lebensräume. Für die Menschen, die dort arbeiteten und lebten, war das Dorf wie ein Organismus, zu dem sich die meisten innerlich zugehörig fühlten. Man war im Dorf daheim, es war der unmittelbare Lebensraum. Die Gemarkung rundherum, Feld, Wald, und Flur, die Kulturlandschaft war die Lebensgrundlage. In der Land- und Forstwirtschaft mit den dazugehörenden Handwerken fanden die meisten Dorfbewohner Arbeit und Brot: vor hundert Jahren waren das ca. 80% heute ca. 5%.

Ins Dorf gehörten ganz selbstverständlich die Erziehungsinstitutionen Kindergarten und Schule. Hier lernten die Kinder Sitten und Traditionen des Dorfes kennen und die Lebensformen und Überzeugungen der Menschen zu verstehen. Heimatkunde und Weltgeschichte beschreiben den Horizont, in dem die nachkommenden Generationen sich im Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Vorfahren begriffen. Traditionen und Frömmigkeitsformen hatten orientierende und verhaltenssteuernde Funktion. Schließlich muss man wissen, woher man kommt, um zu wissen, wer man ist.

In den letzten 50 Jahren hat sich das Leben auf dem Land grundlegend gewandelt. Die relative Selbständigkeit ist einer starken Fremdbestimmung gewichen. Ländliche Räume sind namenloses „Umland“ der Metropolen geworden. Was zur alltäglichen Lebensgestaltung und Daseinsvorsorge nötig ist, wanderte in kleinere oder größere Zentren ab, z.B. Ausbildungsplätze und bezahlte Arbeit, Läden und Arztpraxen, öffentliche Verwaltung und Schulen. Die Menschen auf dem Land haben diese Veränderungen als Verlust erlebt. Sie fühlten sich als „Opfer“ zentralistisch orientierter Veränderungsprozesse. An drei so genannten Reformen wird das deutlich.

 

 

Mit der Landreform (Flurbereinigung) begann in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts die Umwandlung der kleinräumig – bäuerlichen Landwirtschaft zur heutigen global orientierten Agrarindustrie. „Wachsen und Weichen“ ist seitdem das Motto. Bis zum heutigen Tag geben täglich ca. 50 Bauernhöfe in Deutschland wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit oder fehlenden Nachwuchses auf.

Durch die Verwaltungsreform in den Sechzigerjahren verloren die Dörfer ihre politische Selbständigkeit. Aus verwaltungstechnischen Gründen wurden sie in Städte oder Großgemeinden eingegliedert. Lange Antragswege zu Behörden und die von örtlicher Sachkenntnis oft ungetrübten Entscheidungen werden von den Bürgern beklagt. Der Ortsbeirat eines Dorfes darf sich zu anstehenden Problemen ohne Entscheidungskompetenz zu haben äußern, meistens wenn die Dinge schon entschieden sind. „Wenn die Kuh geschissen hat, sagen wir Platsch“, formulierte ein Ortsbeirat sarkastisch.

Im Zuge der zentralistisch angelegten Bildungsreform verschwanden in den Sechziger- und Siebzigerjahren auch Kindergärten und Schulen. Überschaubare „Zwergschulen“ gaben die Kinder an unübersichtliche Mittelpunkt- oder Gesamtschulen ab.

Im Dorf geblieben ist bisher die Kirche. Sie ist so zusagen die „letzte Instanz“ für Kultur und Sinngebung. In einer Denkschrift über den ländlichen Raum fordert der Europarat seine Mitgliedsländer auf, die vielfältigen ländlichen Regionen in Europa zu fördern und weiter zu entwickeln. Ziel ist dabei nicht, idyllische Naturreservate oder folkloristische Museen zu schaffen, sondern das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen zum Lebensraum des Dorfes und Ihre Beheimatung in der Region zu stärken. Als „identitätsfestigende Einrichtungen“ werden vor allem die Kirchengemeinden, die Ortsvereine, so wie Kindergärten und Schulen genannt.

Lasst wenigstens die Kirche im Dorf lautet deshalb die dringliche Bitte vieler Menschen. Die Befürchtung, dass sich mit der zur Zeit diskutierten Kirchenreform auch die Kirche zurückzieht hört man überall.

 

 

II. Die Dörfer im Dorf und die kulturvermittelnde Aufgabe der Kirche

 

Ein Dorf, so klein und überschaubar es auch sein mag, hat seine eindeutige Prägekraft verloren. Auf der einen Seite hat der Traditionsabbruch auf dem Land längst eingesetzt und Orientierungsverluste mit sich gebracht, auf der anderen Seite ist die Vielfalt der unterschiedlichen Lebensformen und Überzeugungen eingewandert. Das Dorf ist weder „heile Welt“, noch Geborgenheitsreservat. Es ist auch keine eigenständige Lebenswelt, sondern auf die geographischen und sozialen Umwelten bezogen. Diesen Zustand versucht man mit dem Begriff des „regionalen Dorfes“ bzw. „der Dörfer im Dorf“ auszudrücken. Man kann die unterschiedlichen Verhaltensformen, Orientierungen und Milieus in vier so genannte Kulturkreise idealtypisch kategorisieren.[2]

 

1. Die Altdörfler

 

Darunter sind die „Einheimischen“ im Dorf zu verstehen. Es sind Menschen, deren Herkunftsfamilien und Bekanntschaftsnetze im Dorf sind. Sie fühlen sich mit dem Dorf und seinen Traditionen verbunden und haben ein hohes Zugehörigkeitsgefühl. Früher stellten sie in der Regel auch die Honoratioren wie Bürgermeister, Ortslandwirt und Vereinsvorsteher. Sie sind an den Traditions- und Legitimationsorten orientiert, dem Rathaus (solange es im Dorf war), dem Gasthaus mit seinen meinungsbildenden Stammtischen, der Kirche. Die Altdörfler erleben und bedauern den Traditionsabbruch am stärksten. Von der Kirche erwarten sie eine Unterstützung für ihre traditionsgelenkte Lebensform.

 

2. Die Neu – Dörfler

 

Eine stark zunehmende Gruppierung sind Neubürger im Dorf. Oft sind es Menschen, die aus der Metropole wegen der Naturnähe, aus Gründen der Ruhe oder für die Zeit der Kinderaufzucht in den ländlichen Raum ziehen. Sie stellen in vielen Dörfern, die im Umland der Metropolen liegen, die Mehrheit der Bevölkerung. Diese Neubürger orientieren sich ganz anders als die Altdörfler an individuellen Interessen. Sie wollen, dass das Dorf ihnen das bietet, was sie erwarten. Man kann das Bewegungsdreieck mit dem Partykeller (für ausgesuchte Freunde), einem Interessenverein (Trimm-Dich, Golf, Tennis) und dem Zweitwagen, den sie wegen der hohen Mobilität brauchen, kennzeichnen. Das Traditionsdreieck der Altdörfler ist ihnen fremd, ja suspekt. Sie wollen sich auch nicht in die traditionelle Dorgemeinschaft (Gesangverein, Feuerwehr, Schützenverein) einbringen. Sie entwickeln kaum ein Zugehörigkeitsgefühl zum Dorf oder ein Wir-Bewusstsein.

 

3. Die emanzipierten Dörfler

 

Eine dritte Gruppierung kann man als emanzipierte Dörfler bezeichnen. Es handelt sich oft um jüngere Menschen – besonders Frauen –, die eine neue Ländlichkeit und Lust am Dorf mitbringen. Sie sind nicht an der traditionellen, ländlichen Agrarkultur interessiert, aber am Dorf als regionalem Lebensraum. Sie suchen gemeinsame Handlungsorte im Dorf. Sie engagieren sich in Bürgerinitiativen, z.B. zur Einrichtung von Krabbelgruppen oder eines Waldkindergartens, die Wiedereröffnung von Dorfschulen, Läden oder Selbstvermarktungshöfen. Man könnte sie als Anhänger einer neuen, ländlichen sozialen Bewegung bezeichnen. Sie haben zwar eine gebrochene und auf Zeit begrenzte Identität mit dem Dorf, ihr Interesse gilt aber der Gestaltung des dörflichen Lebens insgesamt. In diesem Bewusstsein gibt es Berührungspunkte mit den Altdörflern und gelegentlich auch Handlungskoalitionen.

 

4. Die Rand – Dörfler

 

Eine vierte Gruppe stellen Randsiedler des Dorfes, die meist isoliert leben. Ob es die abwertend bezeichneten „Dorfdeppen“ sind oder zwangsweise Zugewanderte wie Aussiedler oder Asylsuchende. Sie leben ohne innere Zugehörigkeit zum Dorf, bleiben Randsiedler und heimatlos.

Sie finden sich in ihrer Heimatlosigkeit zusammen in Gartenhütten am Ortsrand, in ihrem eigenen Kultverein (Fanclub). Sie spielen für die aktive Gestaltung des dörflichen Lebens keine Rolle. Sie werden aber, wenn ihre Zahl nicht zu groß ist, geduldet. Mit dem Dorf verbindet sie meist eine negative Identität.

 

 

Wenn man das dörfliche Leben im Horizont dieser 4 „Kulturkreise“ begreift, wird klar, dass es ein Lebensraum sozialer Umbrüche und Spannungen ist. Eindeutige Orientierungen sind der Vielfalt und Widersprüchlichkeit gewichen. Auseinandersetzungsfähigkeit ist angesagt, die auf der Anerkennung der neuen Pluralität des Dorfes basiert. Es geht in einer nachhaltigen Entwicklung des dörflichen Lebens nicht um die Frage welches Milieu  sich durchsetzt, sondern um die gegenseitige Vermittlung der Lebensformen, um die Vernetzung der verschiedenen kulturellen Prägungen. Dieser kulturvermittelnden Aufgabe sollte sich meines Erachtens die Kirche stellen. Denn sie ist mit ihrer Botschaft an den Menschen gewiesen, dessen Wert nicht in ökonomischer Nutzbarkeit oder einer spezifischen kulturellen Prägung liegt, sondern in seiner Gottebenbildlichkeit und Versöhnungsfähigkeit.

Die Kirchengemeinde im Dorf kann Forum für diesen Diskurs sein, da sie nicht partikulare sondern verbindende Interessen verfolgt. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten „Lotsen“ zwischen den unterschiedlichen „Kulturen“ sein, um so verständniswerbend und vermittelnd zu einer gemeinsamen Kultur der Menschlichkeit beizutragen.

 

Ein Beispiel:

 

In einem Dorf gab es Streit zwischen Vereinen um den Termin und die Gestaltung der Kirmes. Als sich keine Lösung in dem Konflikt finden ließ, gingen ein paar Leute zum Ortspfarrer. „Herr Pfarrer, sie müssen sich da einmischen; die Kirche ist doch überparteilich und steht für Versöhnung!“ Mit dieser Bitte war ein durchaus richtiges Empfinden für die Aufgabe der Kirche beschrieben. Sie vertritt keine partikularen oder gruppenspezifischen Interessen. Sie soll dabei helfen, dass unterschiedliche Milieus und Lebensanschauungen in konstruktive Beziehung kommen. Nicht die einseitige Zugehörigkeit zu einem Milieu sondern deren Vermittlung beschreibt die Aufgabe der Kirche im Dorf.

Die Kirchengemeinde wird damit zum Forum für einen Diskurs über die unterschiedlichen Lebensentwürfe. Das dahinter stehende Leitbild ist die Beheimatung aller Menschen im Ort, die versöhnte Gemeinschaft bei unterschiedlichen biographischen, religiösen und kulturellen Prägungen.[3]

Die dargelegte kulturorientierte Aufgabenstellung der Kirche geht über religiöse Dienstleistung (etwa Sonntagsgottesdienst und Kasualie) hinaus. Sie ist ein ständiger Prozess hilfreicher und deutender Begleitung von Menschen in einem sich wandelnden Lebensraum.

 

 

III. Lebensraumorientierung und nachbarschaftliche Zusammenarbeit als

       Chance

 

So kann es nicht weitergehen; es muss sich etwas ändern. Diese Meinung kann man angesichts der gegenwärtigen Lage der Kirche überall hören. In dem Impulspapier der Ev. Kirche in Deutschland wird für das Jahr 2030 prognostiziert, dass die Ev. Kirche dann nur noch ca. 60 % der heutigen Mitgliederzahl aufweist und 50 % der gegenwärtigen Finanzkraft. Die Bevölkerung nimmt in manchen ländlichen Regionen rapide ab. Die bisherige Dichte von Pfarrstellen ist auch in den ländlichen Räumen kaum zu erhalten. Was ist zu tun? Eine Reform der Kirche, die sich an den Lebensformen der Menschen und ihren Lebenswelten orientiert, ist angesagt. Wenn die Kirche ihrem Auftrag, die versöhnende Liebe Gottes zu allen Menschen zu bringen treu bleiben will, wenn das „Gerücht von Gott“ nirgends  verstummen soll, dann muss sie Volkskirche in der Nähe der Menschen sein und sich auch entsprechend organisieren.

Bei einer angemessenen perspektivischen Entwicklung ist m. E. unerlässlich über die Vernetzung von kleinen Gemeinden im ländlichen Raum nachzudenken, die Verknüpfung von Parochialsystem und Region und die strukturelle Verbindung von lokalen und regionalen /funktionalen) Diensten zu organisieren. Die folgenden Gedanken geben einen Einblick in die gegenwärtigen Reformbemühungen der Ev. Kirche in Hessen und Nassau.[4]

 

 

1. Die Notwendigkeit einer Kirchenreform

 

Zunehmender Pluralismus und Individualismus

 

In allen Lebensbereichen (Konsum, Lebenseinstellungen, Weltanschauungen und religiösen Überzeugungen) haben sich die Möglichkeiten vervielfacht. Der sog. Differenzierungsschub verschafft uns immer mehr Wahlmöglichkeiten, setzt aber gleichzeitig alle unter permanenten Entscheidungsdruck. („Wer die Wahl hat, hat die Qual“).

 

Relevanzverlust der Kirche in der Öffentlichkeit

 

In der sich ständig wandelnden, offenen Gesellschaft werden die seelsorgerlich begleitende Kompetenz der Kirche und ihre lebensdeutende Botschaft relativiert. Kirche ist eine normative Organisation neben anderen, ein sozialer Faktor unter anderen, eine Stimme im Chor ethischer Ansprüche und Einstellungen.

 

Zurückgehende finanzielle Ressourcen

 

Die Kirche hat Anteil an der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung: Privater Reichtum wächst bei gleichzeitig schwindenden öffentlichen Geldern. Steuerausfälle und abnehmende Mitgliederzahlen bewirken große Finanzlücken in den Budgets. Deshalb geht nicht mehr alles, was bisher ging.

Fazit: Die Kirchen müssen bei abnehmender gesellschaftlicher Relevanz und zunehmendem Finanzdruck Reformen durchführen mit dem Ziel, sich den Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen mit der lebensdeutenden Botschaft der Bibel erkennbar und verständlich zu machen, um neue Akzeptanz zu gewinnen. Dabei ist eine deutliche Differenzierung zwischen der Kirche in der Stadt und auf dem Land zwingend.

 

2. Die Entdeckung der „mittleren Ebene“

 

Bei den Reformbemühungen, die in der Schrift „Person und Institution“[5]  ein erstes Dokument hatte, wurde die sog. Mittlere Ebene (Dekanat/Kirchenkreis) zu einem wesentlichen Element. Die Kirchensynode (1992-1998) hatte einen Ausschuss zur „Neuorientierung der mittleren Ebene“ eingesetzt. Später wurde verkürzt von der „Stärkung der mittleren Ebene“ geredet  und demzufolge nur noch statistisch von größeren Einheiten, Fusionen, Anpassung an staatliche Gebietskörperschaften (Landkreis) oder der besseren Verwaltbarkeit geredet. Mindestens in den ländlichen Lebensräumen weckte ein solcher Ansatz Erinnerungen an gesellschaftliche Reformen mit zentralistischen Intentionen, welche den kleinen Lebenseinheiten (Dörfern) vieles genommen haben, wie es im Teil I schon dargestellt wurde.

Ziel einer Kirchenreform darf auf diesem Erfahrungshintergrund gerade nicht eine bessere zentralistische Verwaltbarkeit sein oder eine effektive Durchgriffsorganisation, sondern die Entwicklung eines Leitbildes für die Kirche in der Region, für die mittlere Ebene der Organisation. Das Prinzip der Subsidarität muss dabei leitend sein. Die Frage nach der Zuständigkeit – welche Aufgabe und welcher Dienst gehört auf welche Ebene - ist zu beantworten.

Eine Leitbildentwicklung, eine Theologie der Region hilft im Ansatz dazu, dass sich die Organisation nach innen (Kirche in der Region, im Dekanat, im Kirchenkreis) der gemeinsamen Sache vergewissert und nach außen in die jeweilige Lebenswelt mit ihrer Botschaft erkennbar darstellt.

Die Lebenswelten und Lebensbedingungen der Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche sind in verschiedenen Regionen unterschiedlich, z. B. in Städten und ländlichen Regionen, in den alten und neuen Bundesländern, in Regionen mit Bevölkerungszuwachs oder Abwanderungen.

 

Die gegenwärtige Kirchenreform muss sozialräumlich und an den Lebensbedingungen der Menschen orientiert sein. Primäre Fragen in den Reformbemühungen sind deshalb: Wie leben die Menschen vor Ort? Was sind ihre alltäglichen Lebensbedingungen? Welche Erwartungen haben sie an die Kirche? Wie ist eine zuverlässige Präsenz der Botschaft zu organisieren? Die mittlere Ebene ist in dem Reformprozess deshalb so wichtig geworden, weil in dem überschaubaren nachbarschaftlichen Raum, den man bei aller Definitionsschwäche des Begriffes als Region bezeichnen kann, die primären Kontakte der Menschen stattfinden (wohnen, feiern, Freizeitverhalten) und eine innere Zugehörigkeit, Beheimatung empfunden wird. Eine Region wird nicht durch äußerliche Abgrenzung definiert, sondern durch das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen. In einer solchen abgrenzungsschwachen Region können die primären Kontaktfelder (Gemeinde, Dörfer) sich gegenseitig ergänzen und die Menschen sichder gemeinsamen Sache vergewissern.

 

Ein Dekanat (Kirchenkreis) ist eine Gemeinschaft von Gemeinden, ein Ermöglichungsraum und nicht mehr nur die organisatorische Addition einzelner Parochien. Deshalb verfolgt das (in der EKHN) 1998 beschlossene Dekanatsstrukturgesetz die Kooperation in regionaler Verantwortung.

 

Die wesentlichen Grundsätze für die Kirche in der Region sind:

 

-          Erhalten und fördern der Kirche in der Nähe der Menschen

-          Förderung der Selbstorganisationskräfte in der Region

-          Nutzen und erhalten der Kleinräumigkeit  und nachbarschaftlichen Hilfe

-          Regionalisierung der Inhalte und Ziele der kirchlichen Arbeit

-          Regionale Entscheidung über Personaleinsatz und Finanzmittel (eigenes Budget und Personalpool)

-          Zielklare Kooperation von Gemeinden, Diensten und Einrichtungen in der Region (gemeinsame Konzeption)

-          Entwicklung einer flexiblen Angebots- und Arbeitsstruktur, welche die Nachhaltigkeit von gemeindlichem Leben fördern (gemeinsame Strategie)

-          Erhalten der Parochien auf dem Land bei nachbarschaftlicher Kooperation

 

3. Offene Fragen im Prozess regionaler Kooperation

 

Parochiales Kirchturmdenken versus regionale Zusammenarbeit

 

Es wird oft behauptet, die Kirche in der Region schwäche, bzw. vernachlässige die Ortsgemeinden. Als Beleg dafür wird (in der EKHN) angeführt, dass Gemeindepfarrstellen in den Dörfern abgebaut, aber gleichzeitig regionale Pfarrstellen eingerichtet worden sind, z. B. Fachstellen für Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat oder Dekanatverbünden, für gesellschaftliche Verantwortung der Kirche, für den Bildungsauftrag der Kirche oder ihre missionarische Kompetenz.

Nun wissen wir längst, dass in der Regel keine Ortgemeinde den vielfältigen religiösen Bedürfnissen ihrer Mitglieder gerecht werden kann. Die Fakten über die Begrenztheit des eigenen gemeindlichen und pastoralen Handelns sind uns bekannt. Nur scheint die Veränderungsintelligenz, die nachbarschaftliche ergänzende Kooperation beflügelt, unter Nachbarschaftsneid und Konkurrenzdenken wie gelähmt zu sein. Die Chance gegenseitig stützender und ergänzender Kooperation kann man niemandem aufschwätzen, die muss man entdecken und erproben. Deshalb können Kirchenleitungen regionale Kooperation nicht verordnen, die muss man vor Ort wollen und in regionaler Verantwortung entwickeln und erproben.

 

Regionale Kooperation braucht Anreize

 

„Wenn wir etwas zusammen machen, muss für uns ein ‚Gewinn’ herausspringen.“ Diese Meinung eines Kirchenvorstehers ist durchaus richtig. Das heißt aber, dass zur Erprobung nachbarschaftlicher Kooperation Modelle entwickelt werden müssen, die zunächst auch Geld kosten. Anschubfinanzierung, Beratungs- und Supervisionskosten fallen an.

 

Solche Kooperationsmodelle müssen aber in regionaler Verantwortung entwickelt und erprobt werden und nicht unter zentraler administrativer Steuerung.

Auf Dauer liegen die „Gewinne“ der regionalen Kooperation in der besseren Ressourcennutzung der Teilbereiche (Gemeinden) und der Mitarbeitenden, in der gemeinsamen Profilierung (der Kirche in der Region) und in der gemeinsamen strategischen Entwicklung.

Deshalb ist die regionale Kooperation von ihrem Denkansatz her visionär-perspektivisch und nicht erfahrungsorientiert urteilend. Zu denken, alles, was sich bisher bewährt hat, müsse erhalten bleiben, hieße die Vergangenheit bis in die Zukunft zu verlängern. Stattdessen müssen die Visionen von der Kirche der Zukunft (wie sie unseres Erachtens nach sein soll) in die Gegenwart geholt werden, das heißt aus der Zukunft denken, entscheiden und handeln. Dazu  bedarf es der Erprobungsräume für Strukturveränderung, der Fehlerfreundlichkeit statt rigider Sanktionen, regionalen und modellbezogenen Denkens statt flächendeckender Gleichförmigkeit.

Methodisch sind dazu Leitbildprozesse, Zukunftswerkstätten u. ä. günstig. Diese zu ermöglichen, wäre ein Anreiz für regional kooperatives Handeln.

 

Die Nachbarschaft der pastoralen Räume.

 

„Wozu bin ich denn noch in der Kirche, wenn es keinen Pfarrer mehr gibt, der für uns da ist?“ Diese Meinung haben vielen Menschen, besonders im ländlichen Raum. In erster Linie sind ihre Erwartungen an die Kirche mit der zuverlässigen Präsenz und Erreichbarkeit von Pfarrerinnen und Pfarrern verbunden. Diese Erwartung muss nicht unbedingt zu der Forderung „jedem Dorf seinen Pfarrer“ führen. Es bedeutet aber, dass die Menschen für die Kernaufgaben im Pfarrberuf (Gottesdienst, Amtshandlungen, Unterricht, Lebensbegleitung) eine bekannte Person zuverlässig erreichen können müssen. Bei dünner werdender Personaldecke zwingt das zu nachbarschaftlicher Kooperation. Dafür steht der Strukturbegriff der pastoralen Räume. Gemeint ist damit, dass Pfarrstellen im Nachbarschaftsbereich so miteinander verbunden werden, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer nicht nur in der „eigenen“ Gemeinde, sondern im pastoralen Raum bekannt und durch ihre Arbeit den Menschen vertraut sind. Sie verstehen die „eigene“ Gemeinde  nicht mehr als ausschließliches Berufsfeld, sondern die Gemeinden im Verbund als gemeinsames Handlungsfeld. In dieses kooperative Verbundmodell sind auch andere pastorale (Fach)Stellen und kirchliche Berufe (Gemeindepädagoge, Kirchenmusiker …) einbezogen. Solche Kooperation würde  nicht nur die gemeinsame Aufgabe der Kirche in der jeweiligen Lebenswelt zum Thema machen, sondern auch die Isolation von Gemeinden und Ortspfarrern überwinden helfen.

 

Die Verbindung pastoraler und andrer kirchlicher Dienste

 

Es ist deutlich, dass es im nachbarschaftlichen pastoralen Raum eines gemeinsamen Leitbildes für die lebensraumorientierte und menschennahe Arbeit der Kirche bedarf. Die enge Kooperation aller kirchlichen Arbeitsstellen und Dienste ist die logische Konsequenz. Es geht einerseits um die zuverlässige Dienstleistung in den Ortgemeinden (Gottesdienst, Amtshandlungen, Seelsorge), andererseits um die nur noch gemeinsam zu bewältigende Aufgabe kirchlicher Kulturträgerschaft in dem jeweiligen Lebensraum.

 

Dekanate/Kirchenkreise sind die Gemeinschaft der unterschiedlichen Gemeinden (Orts-, Situations-, Personal-Gemeinden) mit der gemeinsamen Aufgabe, die Kirche in der Nähe der Menschen darzustellen. Regionale Kooperation ist eine perspektivische und strategische Aufgabe und nicht eine formal-strukturelle und bürokratische Unternehmung.[6]

 

IV. Schlussfolgerungen

 

Aus den oben entfalteten Gedanken ziehe ich vier Folgerungen, die ich in einen perspektivischen Diskurs um künftiges kirchliches Handeln einbringen möchte

 

1. Von der Ortsgemeinde zum nachbarschaftlichen Gemeindeverbund

 

Nachbarschaftliche Zusammenarbeit ist nicht nur für die Kirche in ländlichen Räumen angesagt. Sportvereine bilden Spielgemeinschaften aus mehreren Dörfern, Chöre singen mangels Sängerinnen und Sänger gemeinsam, Zweckverbände schließen sich zu bestimmten Aufgaben (Abwassersysteme, diakonische Betreuung der Menschen, Schulbezirke) zusammen. Alleine kriegen wir es nicht hin, aber gemeinsam schaffen wir es. Nach diesem Motto war Nachbarschaft schon immer ein hoher Wert im ländlichen Leben.

Dieses Prinzip gegenseitiger Ergänzung und Unterstützung sollte auch in der Arbeit der Kirche auf dem Land gelten. Man kann nicht in jeder (kleinen) Ortsgemeinde eine große Auswahl gemeindlicher Angebote vorhalten. Wenn zu wenig Sängerinnen für einen Chor da sind, die Zahl der Jugendlichen für eine Konfirmandengruppe zu klein ist, die Zahl der Gottesdienstbesucher so klein ist, dass man nicht mehr vom Feiern, sondern dem Erleiden reden muss, dann ist nachbarschaftliche Zusammenarbeit ein Gebot der Stunde. Kooperation statt Rivalität und Konkurrenz legt sich für die Ortgemeinden und den Pfarrberuf nahe, der auf dem Land die kirchliche Kernkompetenz bleiben wird.

Was bedeutet das?

 

a)       Die Ortsgemeinde bleibt als primärer Kontaktbereich wichtig. Parochien bleiben erhalten. In ihnen werden Verkündigung (Gottesdienste), Kasualien und Seelsorge vorwiegend wahrgenommen. Pfarrerinnen und Pfarrer sind als Ansprechpartner für die Menschen – nicht nur in der „eigenen“ Gemeinde da.

b)       Es werden Nachbarschaften (Gemeindeverbände, Kirchspiele) gebildet, die Landschaftsformen, Entfernungen und die Geschichte der Dörfer berücksichtigen. Ein kirchlicher Nachbarschaftsverbund wird eher im Sinne eines funktionstüchtigen Raumes organisiert als einfach nach Seelenzahl bemessen. Für welchen Raum ist z.B. eine gemeinsame Diakoniestation funktionstüchtig oder eine gemeinsam getragene Jugend- und Konfirmandenarbeit.

c)       Pfarrerinnen und Pfarrer bringen sich in die nachbarschaftliche Kooperation ein. Sie arbeiten in der kooperativen Gruppe, in der die speziellen Begabungen und Erfahrungen Einzelner von allen genutzt werden können und alle durch gelegentlich gemeinsames Agieren (besondere Gottesdienste, Feste, Projekte) emotionale Stabilisierung, durch Kommunikation und Erfolg erfahren. Nach ersten modellhaften Versuchen kann man sagen, dass mindestens drei Kollegen und Kolleginnen einen solchen nachbarschaftlichen Pool bilden sollten. Ich arbeite in einem 5 Personen umfassenden „Team“ (3 ganze, 2 halbe Pfarrstellen) in einer Region, die 14 Dörfer umfasst. Wir sind durch wechselseitige Vernetzung und gemeinsame Aktionen alle fünf in allen Dörfern bekannt, so dass es wenig Akzeptanzprobleme bei den Gemeinden gibt.

 

d)       Übergemeindliche Funktionspfarrstellen (SchulseelsorgerInnen, KrankenhauspfarrerInnen) und andere in der Region ausgeübte kirchliche Berufe (Kirchenmusiker, Jugendreferenten, Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat) werden in die nachbarschaftliche Kooperation strukturell und nachhaltig einbezogen. Als ein Modell für die Zukunft des Pfarrberufes schwebt mir vor, dass jede und jeder im Pfarrberuf sowohl in Ortsgemeinden als auch in der Region berufliche Aufgaben wahrnimmt, gemeindliche und übergemeindliche Funktionen ausübt.

 

2. Die Kooperation mit anderen identitätsstärkenden Institutionen

 

Eine Stärke der ländlich geprägten Lebenszusammenhänge liegt in der bindenden Kraft, welche die Beheimatung in der dörflichen Gemeinschaft fördert und die Liebe zu Landschaft und Lebensraum stärkt.

„Bei uns soll jede und jeder Heimat, Bildung und Identität finden“, lautet das formulierte Leitbild einer dörflichen Gemeinde. Die Kirchengemeinde ist aber nicht die einzige identitätsstärkende Institution. Zur Identität mit dem Ort und zur sozialen Geborgenheit in ihm tragen auch andere bei, z.B. die Ortsvereine, Dorferneuerungsbeiräte, Landfrauen oder andere regionale Agendagruppen. In einer Denkschrift des Europarates zur Weiterentwicklung der ländlichen Räume werden insbesondere als identitätsstärkende soziale Institutionen die Kirchen, die Vereine, die Kindergärten und die Schulen genannt.[7]

Es legt sich eine Kooperation zwischen diesen Institutionen nahe, um das Ziel, dass die Menschen eine geistliche, soziale und emotionale Heimat in ihrem Lebensraum finden, zu erreichen. Meines Erachtens müsste die Kirche als die allgemein anerkannte kulturtragende Institution diese Kooperation wollen und entwickeln.

 

3. Stadt, Land, Umland

 

Die EKD-Studie „Wandeln und Gestalten“ zeigt wie unterschiedlich ländliche Lebensräume sind. Ich plädiere deshalb für eine differenzierte Betrachtung der urbanen, suburbanen und ländlichen Räume, in denen die Kirche handelt. Wenn wir eine offensive und öffentliche (Volks)kirche bleiben wollen, ist eine differenzierte Sicht der unterschiedlichen Lebenswelten nötig, um diese zu verstehen und dann angemessen in der Nähe des Menschen zu handeln. Die differenzierte Sicht wird nicht durch statistische Vergleiche erreicht (etwa Bevölkerungszahl, Wachstum oder Rückgang) sondern durch die Beschreibung der Lebensvollzüge. Was ein Mensch alltäglich erlebt, bestimmt sein Empfinden, seinen Glauben und seine Lebensorganisation. Wer sein Dorf um 4:00 Uhr verlässt, um den bezahlten Arbeitsplatz auf dem Frankfurter Flughafen anzufahren und abends, wenn es wieder dunkel ist heimkommt, lebt anders als jemand, der seine Stadt auch bei Nacht hell erleuchtet mit allen Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten durchschreitet. Ein Kind, das in 10 Minuten zu seiner Grundschule gebracht wird oder gehen kann, erlebt anders als eines das täglich 2 x 45 Minuten in einem überfüllten Schulbus über mehrere Dörfer gekurvt wird.

Oft wird gesagt: Die Grundbedürfnisse und Befindlichkeiten der Menschen in Stadt und Land seien sehr ähnlich: Essen und trinken, arbeiten und wohnen, geboren werden und sterben. Doch das ist eine zu oberflächliche Betrachtung. Erstens ist geboren werden und sterben nicht überall dasselbe (man besuche nur einmal Beerdigungen in einer Großstadt oder in einem Dorf). Zweitens organisieren die Menschen ihre Lebensbedürfnisse – auch die geistlichen und religiösen – in den gegebenen Lebenswelten anders.

 

 

In der Regel geht ein frommer Mensch auf dem Land am Sonntag zum Gottesdienst in seine (Dorf)kirche. In der Stadt stehen ihm in 10 Minuten zu Fuß erreichbar mehrere Kirchen offen. Im ländlichen Lebensraum steht für die Institution Kirche neben dem Kirchengebäude der Pfarrer/die Pfarrerin, die man kennt. In der City sind Gehörigkeit und Zuständigkeit in Einzelgemeinden oft unübersichtlich und uneinsichtig. Für die Menschen auf dem Land und dementsprechend auch für kirchliches Handeln dort haben Naturnähe und Landschaft, Jahresrhythmus und Feste, Zeit und Zeiten andere Bedeutung als in urbanen und suburbanen Lebensräumen. Für den Pfarrberuf in ländlichen

Lebenszusammenhängen ist es gut, sich in die Lebensvollzüge vor Ort einzufühlen und einzubringen, die Einstellungen der Menschen wahrzunehmen, zu verstehen und dann von der biblischen Botschaft her angemessen zu deuten. „Wir wollen einen Pfarrer, der mit uns lebt und für uns da ist und nicht einen, der nur Programme auf uns runterlässt“ (Zitat eines Ortslandwirts)

 

4. Ländliche Räume verstehen

   Gedanken zu einer „Theologie der Vielfalt und der Region“

 

Der Begriff des „Raumes“, den Geographen und Naturwissenschaftler als Thema für Lebensvollzüge und –gestaltung wieder zum Thema gemacht haben, ermöglicht vielfältige Zugänge.[8]

Raum ist nicht nur ein geographischer Begriff – etwa wie ein „Behälter“, in dem dann bestimmt Ereignisse stattfinden. Raum ist immer „erlebter Raum“, dem Menschen materiale Gestalt (Kulturlandschaft) verliehen haben und historisch konstituierten (Geschichte). Der Lebensraum, in dem Menschen sich vorfinden und handeln, ist immer ein kultureller und spiritueller Ausdruck ihres Seins.[9]

Deshalb muss man die unterschiedlichen Regionen, ihre kulturellen und religiösen Eigenheiten in die theologische und ekklesiologischen Reflexion einbeziehen. Welche religiösen Bewegungen gab es in einer Region? (z.B. Erweckungsbewegungen, Glaubensflüchtlinge, Klöster und Orden, spezifische Frömmigkeitsformen). Welche Fragen und Lebensvollzüge bestimmen die Menschen jetzt in ihrer Einstellung? (z.B. Verordnetes Pendlerdasein, Pflege und Nutzung der Landschaft – darf man Getreide verbrennen? – sterben die Dörfer?)

Die lebensdeutende Botschaft der Bibel in die (jeweilige) „Welt“ zu tragen, fordert aber eben diese Welt sensibel wahr zu nehmen, sie theologisch zu reflektieren und zu verstehen und dann angemessen zu handeln und zu gestalten.

Wenn der Ausgangspunkt des Diskurses die Differenz ist, d.h. die Unterschiedlichkeit der Lebensräume und –vollzüge, dann kann die theologische Reflexion wohl nur ein Beitrag zur Beschreibung und Vergewisserung der Vielfältigkeit sein.

 

Da die Lebensvollzüge einzelner Menschen wie auch die religiösen und kulturellen Deutungsmuster vielfältig sind, kann auch die Ortsgemeinde und noch mehr die Region nur ein Spiegel der Vielfältigkeit sein. Nach dem biblischen Leitbild für die christliche Gemeinde (der versöhnten Vielfalt der Glieder im Leibe Christi) wird die örtliche und nachbarschaftliche Kirchengemeinde zum „Raum“ in dem dialogisch und diskursiv unterschiedliche Lebensformen und Frömmigkeitsstile aufeinander bezogen werden und gelten dürfen.

 

 

Der theologischen Reflexion, die eine lebensraumorientierte Wahrnehmung mit der biblischen Botschaft konfrontiert und daraus angemessene Perspektiven für ein zukunftsorientiertes Handeln der Kirche entwickeln wird, sollten folgende Einsichten zugrunde liegen:

 

-          Dissenserlaubnis statt Konsensbehauptung (es ist nicht überall alles dasselbe weder im Denken und Fühlen, noch im Wissen und Handeln)

-          Uns eint der Geist der Freiheit, d.h. eine offensive und konstruktive Toleranz

-          Auseinandersetzungskompetenz und Konfliktfähigkeit sind wichtiger als Anpassungstendenzen und Gleichheitszwänge

-          Offenes und faires Streiten rangiert vor Lobbyismus und verdeckten Machtkämpfen

 

 



[1] Vgl. dazu die gerade erschienene Broschüre der Ev. Kirche in Deutschland „Wandeln und gestalten“ EKD-Texte Nr. 87, Missionarische Chancen und Aufgaben der Evangelischen Kirche in ländlichen Räumen.

[2] Das Modell verdanke ich Albert Herrenknecht, Pro Provincia Institut Boxberg. Die regionale Dorfgesellschaft in: Fachtagung Dorferneuerung in Hessen 1998, herausgegeben vom Hess. Landesamt für Regionalentwicklung 1999, S. 18 ff.

[3] Vgl. dazu auch „Kirche der Freiheit“, Impulspapier der Ev. Kirche in Deutschland, 2006 bes. S. 49 ff.

[4] Vgl. dazu auch „Kirche in Bewegung“, Hrsg. Gemeindekolleg der VELKD, Celle, Nov. 2005.

[5] Person und Institution, Volkskirche auf dem Weg in die Zukunft; Hrg. von der Ev. Kirche in Hessen und Nassau; Ev. Presseverband Frankfurt/Main Sept. 1992.

[6] Vgl. zur generellen Frage der „Regionalisierung in der Kirche“ epd Dokumentation Nr. 3, 16.1.2007 Regionalisierung in der Kirche – Zukunftsmodelle und Sackgassen“

[7] Europäische Charta für den ländlichen Raum, Agrarausschuss des Europarates, Straßburg Nov. 1994.

[8] vgl. R. Bormann; Raum, Zeit, Identität; Opladen 2001 (S. 247 ff); vgl. C. Sturm; Weg zum Raum; Opladen 2000.

[9] vgl. Kai Hansen; Evangelische Kirche in ländlichen Räumen; Schenefeld 2005; S 64 ff.

 

Kirchenreform strategisch!

Der Autor Ulf Häbel – promovierter Theologe - lebt seit 1990 in dem hessischen Vogelsbergdorf Laubach-Freienseen. Er betreut mit einer halben Stelle als Dorfpfarrer zwei Gemeinden und betreibt in dem Dorf Freienseen eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung seiner Familie. Ein zusätzlicher Dienstauftrag als Gemeindeberater/Kirchliche Organisationsentwicklung beschäftigt ihn mit Reform- und Strukturfragen der Kirche (insbesondere im ländlichen Raum). Er gehört seit 20 Jahren der Kirchensynode der EKHN an, arbeitet in mehreren Projekten der Strukturreform mit und leitet seit 15 Jahren den Theologischen Ausschuss. Im Hessischen Rundfunk arbeitet er im Bereich Kirchliche Sendungen (Zuspruch am Morgen, Ev. Morgenfeier) mit. Veröffentlichungen zu Kirchenreform und Strukturfragen insbesondere für die ländlichen Räume.

  

Der Aufsatz von Ulf Häbel ist 2007 erschienen in: Wolfgang Nethöfel/Klaus-Dieter Grunwald (Hgg.), Kirchenreform strategisch!