Wiesbaden. Das Netzwerk Kirchenreform, ein Zusammenschluss reformorientierter Wissenschaftler und Kirchenvertreter, hat (am 26. u. 27. 11.) in Wiesbaden über „Gemeinwesendiakonie und missionarische Perspektiven für Stadt und Region“ diskutiert. Bei der Jahrestagung sagte die Vertreterin der EKD, Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, zur Rolle von Kirchen und Christen in der Zivilgesellschaft, Kirchengemeinden könnten vor Ort mit ihren diakonischen Angeboten wichtige Akteure sein. Voraussetzung sei, dass die Gemeinden Kooperationen suchten und sich in Politik und Arbeitswelt, Kultur und Bildung, Sozialdiensten und Sport einbrächten. Diese Gemeinwohlorientierung folge dem biblischen Auftrag „Salz der Erde zu sein“. „Der Kern aller Wohlfahrt sind Menschen, die sich engagieren“, sagte sie im Haus an der Marktkirche. Die Zusammenarbeit im Gemeinwesen, in Familienzentren, Mehrgenerationenhäusern und Stadteilkaffees könne Freiwillige, auch Hartz IV-Empfänger und junge Emigranten, zum Ehrenamt motivieren. „Soziale Netzwerke geben Halt und Orientierung“ meinte die Referentin.
Trotz eines Rückgangs der Kirchenbindung in der Gesellschaft seien noch immer viele Menschen überzeugt, dass Glaubensorientierungen entscheidend für ein zivilgesellschaftliches Engagement seien. Bei einer Umfrage hätten 41 Prozent der Befragten angegeben, ohne Kirchen würden sich weniger Menschen freiwillig für andere einsetzen und schwache Gruppen blieben ihrem Schicksal überlassen. Religiosität und soziale Verantwortung seien auch weiterhin stark miteinander verknüpft, analysierte EKD-Expertin für Gemeinwesendiakonie.
Zu Beginn der Tagung hatte der Propst für Süd-Nassau, Dr. Sigurd Rink als einer der Sprecher des Netzwerkes, das Zusammenwirken von Kirche und Diakonie gewürdigt. Diakonie und missionarische Perspektiven für die Stadt und Region würden das Profil der Kirche im Verhältnis von Stadt und Land nach wie vor bestimmen.
Ein neues Denken der sozialen Dienstleister forderte der Professor für Sozialmanagement und Personalarbeit, Dr. Martin Sauer. Heute gelte es, auf Kooperation, Netzwerke und gegenseitiges Vertrauen, statt Konkurrenz und argwöhnischer Abgrenzung zu setzen. Der Lehrende an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld kritisierte, dass Pflegedienstleistungen nach einem individuellen Punktesystem, nicht aber auf das Gemeinwesen bezogen, abgerechnet würden. Erforderlich sei aber eine langfristige stabile Finanzierung, an der alle Träger und Dienste im Gemeinwesen beteiligt sein sollten.
Der Sprecher des Netzwerks, Professor Dr. Wolfgang Nethöfel (Frankfurt am Main), sprach sich dafür aus, Kooperationschancen im kirchlichen Handeln zu nutzen und deutlich „Kirche für andere“ zu werden. Das bedeute Abschied von volkskirchlichen Ideologien und ein Abschied von allen „Lückenbüßerdienstleistungen“ im Kontext des Sozialstaats. Bei allen Modernisierungserfordernissen der Kirche müsse der christliche „Markenkern“ deutlich werden und man müsse in geschwisterlicher Hilfe und Solidarität gemeinsam mit anderen wachsen und Profilbildung betreiben.
An der Wiesbadener Tagung war das Zentrum „Mission in der Region“, ein Reformzentrum der EKD und ihrer Initiative „Kirche im Aufbruch“, beteiligt, das noch von dem vormaligen Ratsvorsitzenden Dr. Wolfgang Huber ins Leben gerufen wurde. Ziel des Zentrums mit Standorten in Greifswald, Stuttgart und Dortmund ist es, die missionarisch einladende Arbeit der evangelischen Kirche zu fördern.
Website des Netzwerkes Kirchenreform:
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