
„In
den meisten der 27 deutschen Bistümer brodelt es“, schrieb „Die Welt“ vor
kurzem. Gläubige protestieren öffentlich gegen „von oben“ verordnete
„Zwangsfusionen“ historisch gewachsener Pfarreien. Die Stimmung an der
kirchlichen Basis ist emotional aufgeladen, in kirchlichen Gremien fliegen die
Fetzen. Im Bistum Aachen sollen 160 Gemeinden zu 45 zusammen gelegt werden. Beispiellos
radikal ist der Sparkurs im Bistum Essen, wo 98 Kirchen stillgelegt,
geschlossen oder verkauft und verbleibende Gemeinden zu Großpfarreien
mit bis zu 40.000 Mitgliedern zusammengefasst werden. Berlin ist schon
lange pleite.
Selbst im immer noch überwiegend katholischen Bayern wird die Kirche nicht mehr im Dorf bleiben. Im Erzbistum Bamberg werden aus rund 360 Pfarreien und Kuratien knapp 100 Seelsorgebereiche geschmiedet. Im Bistum Eichstätt wurde vom letzten Bischof die Einrichtung von Seelsorgeeinheiten mit bis zu 9 Pfarreien verfügt. Im Bistum Würzburg soll es bis 2010 flächendeckend Pfarreiengemeinschaften geben.
Für
das Erzbistum München und Freising kündigte der neue Erzbischof Dr. Reinhard
Marx Anfang März 2008, gerade 33 Tag im Amt, eine „Neustrukturierung der
Seelsorge“ an. Seine Maxime, an der Spitze von Pfarreien oder
Pfarrgemeinschaften müsse immer ein Pfarrer stehen, ist ein abrupter
Kurswechsel gegenüber seinem Vorgänger Kardinal Friedrich Wetter, der das
Bistum 25 Jahre mit milder Hand geleitet hat. Ohne das 1,8 Millionen
KatholikInnen umfassende große Erzbistum auch nur annähernd zu kennen,
erteilte Marx dem bewährten Modell der Pfarrbeauftragten durch Diakone und
PastoralreferentInnen eine klare Absage. Die Warnung der Würzburger Synode
„ohne eine verantwortliche Bezugsperson leidet die Gemeinde erheblichen
Schaden“ hat er damit in den Wind geschlagen.
Der
jetzt vom neuen Münchner Erzbischof auf zwei Jahre angelegte Zukunftsprozess
soll die „pfarrliche Seelsorge neu strukturieren” und mit einer
„geistlichen Neuorientierung” verbinden. Aber wie soll offen über die
Pastoral gesprochen werden, wenn die Strukturen schon vorgegeben sind, fragt
beispielsweise der Vorsitzende des Münchner Katholikenrats, Uwe Karrer. Der
Blick auf die Webseite (www.dem-glauben-zukunft-geben.de)
zeigt, wie komplex und wenig transparent der Prozess ist.
„Eloquent
wie ein routinierter Fernsehmoderator hat Erzbischof Reinhard Marx seine Vision
einer neuen, modernen Seelsorge verkauft“, kommentierte die Süddeutsche
Zeitung das erste Treffen des „Zukunftsforums“ am 11. Oktober in Freising.
Die Bescherung kam dann am Ende des Tages, als die Ordinariatsleitung den
Strukturplan-Entwurf vorstellte.
Das
neue Konzept 2020 sieht vor, dass lediglich 47 der insgesamt 747 Pfarreien im
Erzbistum München und Freising eigenständig bleiben (die bisherige Planung für
2010 ging noch von 199 Einzelpfarreien aus). Die übrigen Gemeinden sollen zu
sogenannten Pfarreiengemeinschaften zusammengefasst werden. Stadt und Region München
trifft es besonders hart, dort sollen von 170 Pfarreien nur 23 eigenständig
bleiben. In der Regel werden die neuen „pastoralen Räume” zwischen 6.000
und 10.000 Katholiken umfassen. Im Raum München sind aber auch Zusammenschlüsse
mit bis zu 16.000 Katholiken geplant. Eine Reform, die selbst einer der
Weihbischöfe „brutal” nennt.
Für
Reinhard Marx baut der Strukturplan auf der Zahl der wenigen Priester auf.
„Anders geht es nicht, das muss klar sein“, so Marx wörtlich. Die
„sakramentale Struktur“ der Kirche lasse keinen anderen Weg zu. Schon 1990
in seiner Dissertation „Ist Kirche anders?“ konnte sich Reinhard Marx mit
Begriffen, die Kirche von unten her interpretieren, nicht anfreunden. Vor seinem
Wechsel nach München hatte er in Trier noch per Dekret den Strukturplan 2020 in
Kraft gesetzt, der Ängste und Verärgerung nicht nur an der Basis ausgelöst
hat. Mit der Umsetzung haben sein Nachfolger und das Bistum jetzt ihre große Mühe.
„Nichts
kopiert von Trier, alles original München“, sagte Marx den Delegierten des Münchner
Zukunftsforums und kann darauf verweisen, dass die hiesige Strukturreform schon
vor seiner Zeit begonnen wurde. Der jetzt vorgelegte Strukturplan sei nicht
„ergebnisoffen“, sondern höchstens „ergebnisveränderbar“. Die
Delegierten wurden eindringlich aufgefordert, an der Basis Überzeugungsarbeit für
das Planwerk des Ordinariats zu leisten. Die Pfarreien, die kooperieren sollen,
haben aber nur noch die Wahl zwischen Fusion und Pfarreiengemeinschaft. „Begründete”
Änderungswünsche sind möglich, aber nur in „strukturierter Form“. Und
wenn die Gemeinden sich nicht selber einigen, „dann entscheide ich”, so der
Erzbischof. Dieser Prozess stellt schon rein zeitlich für viele Gemeinden und
Gremien eine Überforderung dar, denn auch der anstehende Ökumenische
Kirchentag in München und die Pfarrgemeinderatswahlen im selben Jahr wollen
vorbereitet werden.
Die
Berufung der 123 Delegierten des Zukunftsforums durch die Bistumsleitung
orientiere sich an den „Strukturen der verfassten Kirche”, heißt es. „Zu
klerikal, zu hierarchisch”, findet Luisa Costa Hölzl vom Münchner
Katholikenrat dieses Gremium, dem lediglich 21 Frauen angehören. Die 35.000
Ehrenamtlichen allein im Raum München sind so gut wie gar nicht repräsentiert.
Die Jugend ist lediglich mit zwei auch nicht mehr ganz jungen Delegierten
vertreten, so dass eine Zeitung titelte: „Zukunftsforum unter Ausschluss der
Jugend“. Dies alles lässt nur den Schluss zu, dass die Erkenntnisse der
deutschen SINUS-Milieu-Studie, dass die katholische Kirche nur noch maximal drei
von zehn gesellschaftlichen Milieus erreicht, im Münchner Ordinariat noch nicht
angekommen sind.
Im Juli hatte sich Wir sind Kirche mit sieben „Denkanstößen” zu Wort gemeldet (www.wir-sind-kirche.de) und darin zum Ausdruck gebracht, was viele KatholikInnen in den Gemeinden umtreibt: Wird es in Zukunft künftig nur noch unpersönliche Mega-Pfarreien geben? Wie soll eine individuelle Seelsorge stattfinden, wie sie im Kirchenrecht Can. 529 § 1 CIC detailliert beschrieben ist? Haupt- und ehrenamtliche „Laien“ sollten auch weiterhin wichtige Aufgaben in der Leitung der Seelsorge übernehmen können. Von Bedeutung sei auch, welche Sprache in diesem „Prozess der geistlichen Neuorientierung” gefunden werde, eine „Nähe zum Manager-Vokabular” stehe der Kirche nicht gut an.
Ein Freundeskreis Münchner Priester, in der Mehrzahl altgediente erfahrene Seelsorger, hatte dem neuen Erzbischof bereits im April in einem eindringlichen Schreiben seine Sorgen um die Seelsorge vor allem alter und kranker Menschen sowie um die Seelsorger selber geschildert. Viele Pfarrer haben Angst, verschlissen zu werden, und sind beunruhigt, was da an „ungeklärten neuartigen Leitungsfunktionen“ auf sie zukommt. Der Freundeskreis sieht die Gefahr einer neuen, „vielleicht nur etwas zweckmäßiger organisierten Mängelverwaltung”. In ihrem Brandbrief baten die Priester den Erzbischof, auch über die Zulassungsbedingungen zur Priesterweihe „konkret nachzudenken”. Die Antwort des Erzbischofs war freundlich aber wenig konkret. Selbst die Mahnrufe von Altbischöfen scheinen bisher ungehört zu verhallen („Ein Bischof schüttet sein Herz aus“, Kirche In, September 2008).
Übergroße
Seelsorgeräume mit einem geweihten Seelsorge-Manager irgendwo an der Spitze
werden die Glaubens- und Gemeindeerosion nur beschleunigen. Die zwangsweise von
oben verordneten Umstrukturierungen bewirken vielmehr einen massiven Verlust
ehrenamtlicher Kompetenz, und das, obwohl – nicht nur angesichts der
notwendigen Sparmaßnahmen – ehrenamtliche Arbeit eigentlich immer mehr
gefragt sein müsste.
Das
von manchen Bischöfen gebrauchte Argument, es gäbe nicht nur einen
Priestermangel sondern vor allem einen Gläubigenmangel, greift zu kurz: Laut
Statistik der Deutschen Bischofskonferenz ist die Zahl der eingetragenen
Kirchenmitglieder in Deutschland zwischen 1990 und 2006 um 9,1 Prozent zurückgegangen,
die Zahl der Welt- und Ordenspriester dagegen um mehr als das Dreifache. Selbst
wenn die Gemeinde- und PastoralreferentInnen hinzugezählt werden, ist der Rückgang
der seelsorgenden Personen mehr als doppelt so stark wie der der
Kirchenmitglieder. „Die Wucht der Zahlen müsste eigentlich heftigste
Beunruhigung über den anhaltenden Reformstau in substanziellen Lebens- und
Glaubensfragen wie bei gravierenden Strukturproblemen der Kirche auslösen“,
kommentiert die katholische Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ die
aktuellen Zahlen. Und dabei handele es sich erwiesenermaßen keineswegs nur um
binnendeutsche Sonderprobleme.
Die
deutschen Bischöfe sollten deshalb den vom Zentralkomitee der deutschen
Katholiken seit langem eingeforderten Dialog über pastorale Zukunftsfragen
nicht länger blockieren. Der Reformstau muss auf die Tagesordnung, die heißen
Eisen dürfen nicht länger ausgeklammert werden. Und dann erwarten die Gläubigen
in Deutschland von ihren Bischöfen, dass diese endlich den Mut finden, die
Anliegen der Ortskirchen nach Rom zu bringen.
Christian Weisner

Christian Weisner ist im Bundesteam der KirchenVolksBewegung
Wir sind Kirche engagiert.
Im Internet: www.wir-sind-kirche.de.