
von Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel
Die diesjährige Fachtagung des Netzwerks Kirchenreform widmet sich dem Reformfeld Finanzen. Kirchliche Finanzierung heute muss nachhaltig sein: zeitlich, räumlich und sozial. Für die Kirche heißt das: Verantwortung zu übernehmen für das, was uns vorige Generationen hinterlassen haben und es den nachfolgenden Generationen in unserer Traditionsgemeinschaft so zu übergeben, dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen und verantworten können. Der intergenerationellen entspricht eine intragenerationelle Verantwortung. Kirchliche Finanzierung heute ist nur stabil, wenn die Lasten lokal und global gerecht verteilt sind. Unsere Verantwortung hat eine in jeder Hinsicht ökumenische Dimension.
Dieser Nachhaltigkeits-Imperativ ist Ausdruck eines epochalen Paradigmenwechsels. Für die Kirchen bedeutet er zunächst einmal, dass sich zwar nach wie vor alle Finanzprobleme vor Ort stellen, dass sie sich aber prinzipiell nicht mehr als Gemeindeprobleme lösen lassen: sie sind transparochial. Das zeigt sich in Freikirchen und großen Volkskirchen, bei Spenden- und Kirchensteuerabhängigkeit in ganz unterschiedlicher Weise; die Frage nach Alternativen stellt sich neu.
Wir werden auf unserer Fachtagung systemkritische ebenso wie systemimmanente Finanzierungsalternativen so diskutieren, dass die Konsequenzen für Projekte und Strukturen sichtbar werden, die über Gemeindegrenzen hinausweisen. Sie findet im bewährten Rahmen des ökumenischen KVI-Kongresses (Kirche,Verwaltung, Informationstechnologien) am 8. und 9. Juni 2010 in Mainz statt. Von ihr erwarten wir uns Anregungen für die Jahrestagung des Netzwerkes im November, die dem Thema: „Mission und Diakonie in der Region“ gewidmet ist.
In einer ersten Programmreihe werden wir uns mit Alternativen zur aktuellen Kirchensteuerpraxis beschäftigen („Schweizer Modell“, „3-Säulen-Modell“) sowie mit den immanenten Spannungen, die quer zur Alternative zwischen Kameralistik und Doppik die Differenz zwischen bedarfs-, aufkommen- und strukturorientierter Ausgabekontrolle und -planung innerhalb kirchlicher Organisationen erzeugt. Was davon weist in die Zukunft? Wie sollten wir uns hier und heute orientieren oder umorientieren? Nach einem Impulsreferat von Prof. Dr. Johannes Grabmeier zum Schweizer Modell als Grundlage für die weiteren Beispiele dieser Programmreihe wird uns Dr. Karl Martin das 3-Säulen-Modell des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins vorstellen.
Neben der nur auf gemeinnützige Institutionen übertragbaren Verausgabung von Steuergeldern in Form von „Bürgergutscheinen“ sowie den „Mitgliedsbeiträgen der Kirchenmitglieder“ setzt das Drei-Säulen-Modell auch auf „freiwillige Abgaben“ (z.B. durch Fundraising, Fördervereine, Stiftungen). Der KVI-Kongress bietet die Möglichkeit, sich mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen Fundraising, Spenden- und Stiftungsarbeit zu vernetzen. Dabei ist vor allem die Stiftungsarbeit eng mit den Fragen eines ethischen Investments verbunden. Hierzu wird uns Pfr.in Dr. Karin Bassler mit ihrem Input "FAIR-mögensanlagen: Kirchenvermögen ethisch anlegen" wichtige Impulse für die weitere Diskussion geben.
Eher systemimmanent sind die Alternativen, die sich mit langsamen Abschied der kirchlichen Verwaltung von der Kameralistik eröffnen. Hier ergeben sich überall Parallelen zum kommunalen Verwaltungshandeln – die wiederum in Kontext immer wichtiger werdender Kooperationsmodelle an Bedeutung gewinnen. Für den intensiven Austausch haben wir mit Prof. Dr. Friedrich Vogelbusch einen EKD-Finanzexperten gewinnen können, der in beiden Bereichen zu Hause ist. Die Auswirkungen auf Planung und Organisation, die sich auch all diesen Impulsen für kirchliches Handeln heute ergeben, wollen wir in einer abschließenden Podiumsrunde erörtern.
Der zweite Kongresstag greift Themen und Ergebnisse des ersten Tages auf und fragt nach Konsequenzen in der volkskirchlichen Praxis. In Impuls und Gegenimpuls eröffnenden die Referierenden unter wechselnden thematischen Perspektiven unterschiedliche Perspektiven. Im Anschluss an die thematischen Diskussionen formulieren dann Kleingruppen Thesen, in denen wir abschließend die Erkenntnisse beider Tage so zusammenfassen wollen, dass sie innerhalb des Netzwerks weiter bearbeitet und orientierend wirken können.
Pfr. Dr. Christoph Bergner, Autor des Buches „Die Kirche und das liebe Geld“, wird uns, anknüpfend an die Thematik des ersten Kongresstages, auf die zweite Programmreihe einstimmen. Pfr. Dr. Michael Frase vom Evangelischen Regionalverband Frankfurt (angefragt) wird mit einem Input zur Theorie und Praxis kirchlicher Projektfinanzierung reagieren. Zwischen Sparzwängen und tief greifenden strategischen Herausforderungen: Wie geht Kirche überhaupt mit neuartigen (eben „transparochialen“) Herausforderungen um? Woran müssen wir festhalten, wenn wir Kirche bleiben wollen: auf dem Markt, aber nicht „marktförmig“?
Wie kann eine Kirche, die auf dem Markt bei sich bleibt, ihrem Missionsauftrag nachkommen? Oberkirchenrat Stefan Werner wird uns mit seinem Impulsreferat „Jetzt helfen wir uns selbst! Das Haushaltssicherungskonzept für Kirchengemeinden“ Strukturhilfen vorstellen, die auf landeskirchlicher Ebene entwickelt wurden. Pfr. Steffen Merle fragt als Gemeindepfarrer aus der Perspektive seiner Projekterfahrungen zurück: Gerade wenn man über Gemeindegrenzen hinaus plant und organisiert: Wie kommt das, was „oben“ geplant wird, „unten“ an?
Die große andere Funktion von Kirche ist Diakonie. Die EKD-Reforminitiative zur „Gemeinwesendiakonie“ sammelt Erfahrungen, die wir auf ihre Übertragbarkeit hin befragen wollen. Reinhard Thies vom Diakonisches Werk der EKD verweist auf kommunale Kooperationsmöglichkeiten, die in letztlich sogar weltweiten Kontexten stehen. Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx vom Kirchenamt der EKD (angefragt) wird auf der Notwendigkeit insistieren, dabei Profil zu wahren und das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren, in unterschiedlichen Kontexten Kirche sichtbar zu machen.
Auch unter diesem zweiten Zugang werden wir den Blick in die Zukunft kirchlicher Arbeit richten und nach Alternativen fragen. Welche Finanzierungskonzeptionen werden zur Zeit auf Kirchenleitungsebene erprobt? Welche Erfahrungen mit den neuen Instrumenten gibt es auf den unterschiedlichen Ebenen? Wie kann man besser miteinander ins Gespräch kommen, wie mit wem kooperieren. Die neuen Wege der Finanzierung erzwingen auch in Gemeinden und bei denjenigen, die in Projekten engagiert sind, Planung und Erfolgskrontrolle. Sie aktualisieren aber auch in ungewohnte Weise theologische Überlegungen. Sie müssen sich als Kriterien bewähren, wenn Schwerpunkte gesetzt werden müssen und wenn längst fällige Abschiede endlich vollzogen werden müssen.
Wir planen die Fachtagung flexibel. Unser Ziel ist es, kirchlich Verantwortliche aller Ebenen, aus Diakonie und Caritas mit Verwaltungsexperten aus den Bereichen Finanzen, Recht und Immobilien miteinander ins Gespräch zu bringen. Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden tief greifenden Veränderungen ist es sinnvoll, die wachsenden Missverständnisse zu sammeln und auf ihre Ursachen hin zu befragen. Wir wollen sensibel machen für bleibende wie für neu aufbrechende Zwänge auf allen kirchlichen Handlungsebenen. Vor allem aber geht es uns darum, auf praktische Kooperationserfahrungen zu verweisen und aus gelungenen Kooperationen zu lernen. Werkzeuge und Modelle, die im Kongresskontext vorgestellt werden, werden im Netzwerk und darüber hinaus weiter wirken.
Denn die neuen Wege der Finanzierung erzwingen in Gemeinden und bei denjenigen, die in Projekten engagiert sind, Planung und Erfolgskontrolle. Inhaltlich geht es um Solidarität, die auch innerkirchlich gelebt werden muss. Formal stellt sich immer wieder neu die Frage nach einem Dritten Weg. So werden aber auch in ungewohnter Weise theologische Überlegungen aktualisiert. Sie müssen sich als Kriterien bewähren, wenn längst fällige Abschiede endlich vollzogen werden müssen und wenn neue Schwerpunkte gesetzt werden müssen.
Netzwerkerinnen und Netzwerker blicken dabei auch voraus nach Werkzeugen, die wir auf der Jahrestagung präsentieren können. Diese findet im Vorfeld der „Brot für die Welt“ – Aktion am 26. und am 27. November 2010 in Wiesbaden statt. Sie steht unter dem Thema „Mission und Diakonie in der Region“ und ist in ist Kooperation mit dem (Reform-) Zentrum „Mission in der Region“ (Hans-Hermann Pompe) und der (Reform-) Initiative „Gemeinwesendiakonie“ (Cornelia Coenen-Marx) geplant.
Die Tagung steht im Kontext der Regionalisierungsdiskussion im Netzwerk und soll Einsichten und Erfahrungen der Arbeit vor Ort verdichten. Dabei werden wir auch die Ergebnisse unserer Fachtagung mit der Perspektive der kirchlichen Finanzierung in der Region wieder ins Auge fassen. Es geht uns darum, unter den beiden thematischen Aspekten Vernetzung konkret werden zu lassen: Dem dienen neben den Beiträgen von Experten und Expertinnen zu (Netz-) Organisationsformen, kirchlichen Orten, Pfarramts- und Ehrenamtserfahrungen und zur Finanzierung regionalisierter Aktivitäten auch Präsentationen von Ortsgemeinden und lokalen Projekten. Wir verdrängen das Scheitern nicht – sind aber verliebt ins Gelingen. Wie Luther sagte: Der Heilige Geist ist kein Skeptiker.