
Ein Beitrag von Stefan Bölts
„Wir brauchen nicht entweder Theologie oder Zahlen, sondern Theologie und Zahlen, durch Zahlen informierte Theologen und theologisch gewichtete Zahlen“, erörterte Prof. Dr. Eberhard Hauschildt (Bonn) in seinem Referat zum Schwerpunktthema „evangelisch Kirche sein“ auf der zurückliegenden EKD-Synode in Dresden.
Nachdem es seit dem Erscheinen des EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Sommer 2006 immer wieder Kritik hagelte, es fehle in dem mit „betriebswirtschaftlicher Sprache“ durchsetzten Reformpapier an Theologie, wollte dies der Vorbereitungsausschuss für die 6. Tagung der 10. Synode der EKD mit seinem Kundgebungstext nachholen: Diese gemeinsame Erklärung zum „evangelisch Kirche sein“ sollte eine theologische Grundierung formulieren und eine Vergewisserung für das „Woher“ liefern, wenn wir in weiteren Reformdebatten das „Wohin“ ausdiskutieren. Zudem wurden in Dresden aber auch handfeste Beschlüsse zum „gemeinsamen reden, gemeinsamen handeln und gemeinsamen leiten“ auf den Weg gebracht. Es ging jedoch bewusst nicht um eine „Korrektur“ oder „Zweitlese“ des Impulspapiers (dies war ja ursprünglich „nur“ als Diskussionsimpuls gedacht), oder gar um eine „Bewertung“ oder „Beurteilung“ der kreativen Ergebnisse aus den Foren des ersten EKD-Zukunftskongresses in Wittenberg.
Einleitend zur Diskussion über Vorlagen zum Schwerpunktthema referierte Prof. Hauschildt über die Kirche als Bewegung, Institution und Organisation und stellte heraus, wie sich das „evangelisch Kirche sein“ als „Organisation der Freiheit“ verändert. Hierzu stellte er zwölf Merksätze auf und formulierte Beobachtungen zum Reformprozess in der EKD. Er unterstrich, dass die Perspektivkommission mit dem Impulspapier mutig genug war, zum ersten Mal harte Fakten und Zahlen in den Raum zu stellen, und stellte fest, dass die „Provokation der Zahlen und der Ziele“ für entsprechende Aufmerksamkeit – vor allem auch in den Medien – gesorgt hatte.
Auffallend sei aber, dass die provozierenden Zahlen inzwischen in der fortlaufenden Debatte weitgehend vom Tisch verschwunden sind: „Die zu der Anzahl der Landeskirchen, zu der prozentualen Aufteilung von Ortsgemeinden und anderen Gemeinden, zu dem Wachstum an Kirchgangsfrequenz und Trauquote.“ Dass diese Zahlen vom Tisch sind, hat nach Einschätzung des referierenden Universitätsprofessors für Praktische Theologie verschiedene Gründe. Sie seien bundesweit in der EKD nicht konsensfähig, sie erscheinen bei einem Vorlauf von 23 Jahren bis zur Umsetzung nicht realitätsnah formuliert zu sein und zum größten Teil liegt ihre Erreichbarkeit gar nicht im Handlungs- und Zuständigkeitsbereich der EKD-Ebene. Vor allem aber sei der „Status“ der Zahlen nicht deutlich genug gewesen: Ging es um die Beschreibung einer Vision, oder um harte betriebswirtschaftliche Kennzahlen?
Es geht aber auch nicht gänzlich ohne Zahlen und Fakten, beteuerte der praktische Theologe: „Wenn wir wissen, was ein Gottesdienst kostet [...], dann entstehen erst die entscheidenden Fragen: Auf der Basis des Wissens um Zahlen und Kosten – mit welchen theologischen Gründen ist uns welche Arbeit wie viel an Kosten wert? So dass wir dann uns dazu entscheiden: ja, das wollen wir uns mit diesen Kosten leisten. [...] Wollen wir uns etwas zu welchem Preis mit welchem Einsatz an Zeit und Personal leisten?“ An dieser Stelle sei dann Theologie gefragt und gefordert. Prof. Hauschildt merkte aber überdies an, dass auch der Aufwand und der Nutzen von Zahlenerhebungen selbst berücksichtigt und gegeneinander aufgerechnet werden müsse. Dennoch dürfe man diese betriebswirtschaftlichen Aspekte und die Beurteilung aus unternehmerischer Perspektive nicht verteufeln. In seinem letzten Merksatz stellte er fest: „Wir brauchen durch Zahlen informierte Theologie und theologisch gewichtete Zahlen.“
Seine Ausführungen zur gegenseitigen Ergänzung von Organisations- und Institutionscharakter zu einer Kirche als „Organisation der Freiheit“, deren Funktionieren er dann anschaulich mit einem Autos mit Hybridantrieb verglich, ergänze er mit der Forderung, dass die Beteiligungsrechte und Entscheidungsbefugnisse innerhalb der EKD ausgelotet und in Balance gebracht werden müssten: „Das Verhältnis der Ebenen und Organe der Kirche zueinander muss in Zukunft besser geklärt werden. Was ist genuine Aufgabe der EKD, der konfessionellen Bünde, der Landeskirchen, der Kirchenkreise, der Gemeinden? [...] Welche Aufgabe erfordert welche Organisationsebene? Hierzu stehen in allen Landeskirchen und Kirchenkreisen und Gemeinden Klärungen an. Mit Aufsicht allein und ein bisschen kirchlichem Rahmenrecht ist ein gezieltes Organisationshandeln nicht zu bewerkstelligen.“
Seinen Ausführungen zu weiteren Aspekten stehen auf der Internetpräsenz der EKD zum Download bereit und sind ein allemal einen Mausklick in die synodale Debatte wert: http://www.ekd.de/synode2007/referat_schwerpunktthema_hauschildt.html