
von Sigrid Grabmeier
Am 24. September 2010 kündigte Erzbischof Zollitsch die „Dialoginitiative“ der Deutschen
Bischofskonferenz, an. Schon am 7. Oktober letzten Jahres prognostizierte
Gernot Facius in der „Welt“ in seinem Artikel „Die
Angst der Kirche vor der Erneuerung“, dass dieser noch viel Überzeugungsarbeit
leisten müsse, „damit ein ‚Ruck’ durch die Kirche geht.“ Wie
recht er damit hatte wurde dann deutlich, als das ursprünglich für die Beginn der Adventszeit geplante Schreiben zum
gemeinsamen deutschlandweiten Vorhaben auf später verschoben wurde und immer
noch nicht existiert.
Wie viel an Überzeugungsarbeit noch zu leisten ist, stellt
sich bei einem Blick in die 27 deutschen Diözesen dar. Anlässlich der
Zusammenkunft des ständigen Rates der deutschen Bischofskonferenz am 24. Januar
2011 in Würzburg veröffentlichte Wir sind Kirche (www.wir-sind-kirche.de)
eine Zusammenstellung zum Thema „Dialoginitiative“ in den deutschen Bistümern.
Es wurden insbesondere die Diözesan-Seiten
im Internet auf das Vorkommen von Hinweisen auf die von der deutschen
Bischofskonferenz im September 2010 beschlossene Dialoginitiative durchsucht.
Ein weiterer Aspekt waren Äußerungen der deutschen Bischöfe zu dieser Aktion
sowie Reaktionen diözesaner Gremien. Dabei kann kein
Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, jedoch wird dabei die Tendenz der
Bestandsaufnahme deutlich.
Auf den Seiten der 13 (Erz-)Bistümer Eichstätt, Erfurt,
Freiburg, Fulda, Hamburg, Hildesheim, Mainz, München-Freising, Paderborn,
Rottenburg-Stuttgart, Trier und Würzburg gab es Hinweise unterschiedlicher
Qualität auf die Dialoginitiative.
Auf insgesamt 14 Seiten dagegen wurden keinerlei Hinweise
auf die Dialoginitiative gefunden. Das waren die Bistümer Augsburg, Bamberg,
Berlin, Dresden-Meißen, Essen, Görlitz, Köln, Limburg, Magdeburg, Münster,
Osnabrück, Passau, Regensburg und Speyer.
Aber auch wenn auf der Seite des Bistums selbst kein Hinweis
zu finden war, konnte bei einigen Bischöfen auf anderen Internet-Seiten eine
Stellungnahme zur Dialoginitiative gefunden werden (Bamberg, Limburg,
Regensburg); in der Diözese Passau gibt es lediglich auf der Seite des
Diözesanrates eine Äußerung.
Kardinal Dr. Reinhard Marx in München sowie die
Bischöfe Dr. Franz
Josef Overbeck in Essen und Dr. Franz-Josef Bode in Osnabrück bilden seit Februar
2010 eine „interne Steuerungsgruppe“ für den Dialog. Doch weder auf der Essener
noch auf der Osnabrücker Seite ist ein Hinweis auf die Dialoginitiative zu
finden; von Marx gibt es keine auffindbare Äußerung zum Dialogprozess.
Die Hinweise beschränken sich in der Regel auf wenige Sätze.
Eine ausdrückliche Ankündigung, wann und wie der Dialogprozess in einer Diözese
beginnen soll, wurde nicht gefunden. Nur auf der Webseite des Erzbistums
Freiburg (www.erzbistum-freiburg.de)
ist tatsächlich ein Dialogportal eingerichtet worden, das die Menschen in der
Diözese einlädt, Stellung zu nehmen.
Zumindest einige Bischöfe äußern sich durchaus positiv:
Bischof Mussinghoff, Aachen, berichtete den Diözesanen Gremien
von der Herbstvollversammlung. Seine Ansprache wird folgendermaßen
wiedergegeben: „Die dort beschlossene Rahmenordnung zur Prävention und die Dialoginitiative
des Vorsitzenden Erzbischof Dr. Robert Zollitsch für
‚eine offene, hörende und dienende Kirche’ seien Grundlagen, wie diese Krise
auch im Bistum Aachen anzugehen sei.“
Der Erfurter Bischof Wanke sieht die Dialoginitiative
in seinem Vortrag am 30.11.2010 in der Kath. Akademie Berlin als Chance:
„Es geht also vornehmlich um ein vertieftes
‚Hören’, von dem Erzbischof Zollitsch in dem
genannten Referat bei der Herbstkonferenz der DBK 2010 in Fulda sprach. Wir
sollten versuchen wahrzunehmen, ob in den ‚Zeichen der Zeit’, und zwar der
gegenwärtigen Zeit, möglicherweise Hinweise des Geistes enthalten sind, die uns
besser die Absichten Gottes für seine Kirche und auch für uns Gläubige erkennen
lassen.“
Bischof Fürst kündigt in seiner Neujahrsansprache 2011 für das Bistum
Rottenburg-Stuttgart einen Such- und Erneuerungsprozess an, der
unverzüglich beginnen soll: „
Wir werden in der Ortskirche Rottenburg-Stuttgart einen
dialogisch angelegten Erneuerungsprozess unverzüglich beginnen. ...Wir werden diesen Such- und Erneuerungsprozess in unserer
Ortskirche ausdrücklich im Kontext des strukturierten Dialogs der
Bischofskonferenz führen, wollen aber nicht abwarten, bis dieser beginnt!“
Erzbischof
Becker, Paderborn griff die Dialoginitiative in
seiner Predigt zum Herbstliborifest am 31.10.2010 auf
und führte aus, dass für eine „Kultur des Hörens“ sowohl das Hören auf Gott als
auch das Hören auf die Erfahrungen, Bedürfnisse und Nöte des Nächsten notwendig
sei. Zu der vom DBK-Vorsitzenden angeführten „Option für die Menschen“ sagte
Erzbischof Becker: „Der von vielen ersehnte Aufbruch der Kirche kann nur von
einer vertrauenswürdigen Nähe und verlässlichen Verbundenheit zwischen Kirche
und Gesellschaft leben.“
Die Einlassungen
des Trierer Bischofs Ackermann klingen vorsichtig positiv in seiner
Silvesterpredigt 2010: „Maßnahmen zu purem Selbsterhalt der Kirche
oder zu bloßer Bestandssicherung wären verfehlt. Mitunter aber, das müssen wir
selbstkritisch eingestehen, sieht es so aus, als ob wir vor allem damit
beschäftigt wären zu halten, was noch zu halten ist. Insofern ist es nicht
verwunderlich, dass sich Stimmen erheben, die fragen, wozu die Kirche
eigentlich gut ist und was sie in die Gesellschaft einzubringen hat. Lassen wir
uns diese kritischen Fragen gefallen. Nehmen wir sie ernst, ja nehmen wir sie
als Ruf dieser Zeit. Denn sie bieten uns die Chance, uns neu unseres Auftrags
zu vergewissern. Sie können ein Weckruf sein, der ärgerlich und schmerzlich
sein mag, aber uns auch herausreißen kann aus dem Kreisen um uns selbst.“
Bischof Hofmann in
Würzburg kündigte vor dem Diözesanrat nach der Vollversammlung
nahezu hoffnungsvoll die Dialoginitiative an: „Eine klärende Dialoginitiative
ist nötig. Diese wurde auf der Herbstvollversammlung der Deutschen
Bischofskonferenz beschlossen... Sicher wird der Diözesanrat in unserem Bistum
ein besonderer und wichtiger Partner sein in dieser Dialoginitiative, denn Sie
sind für mich ein geschätzter Dialogpartner. Noch in diesem Jahr ist von Seiten
der Deutschen Bischofskonferenz ein Brief an die Gemeinden geplant, der den
Beginn dieser Dialoginitiative bedeuten wird.“
Etwas distanzierter
erscheinen folgende Äußerungen:
Die Silvesterpredigt von Erzbischof
Schick, Bamberg wurde auf kath.net veröffentlicht: „Aber damit sie heute
und morgen stark und effizient für die Menschen ihre Aufgaben erfüllt, sind wir
gerufen, die Kirche zu erneuern. ... Dazu gibt es von außen und von innen
verschiedene Vorschläge und Konzepte. Die einen meinen, die Kirche müsse sich
an die moderne Zeit anpassen, andere möchten die ‚alte Kirche’, was immer sie
darunter verstehen, zurückholen, wo alles scheinbar besser war. Wieder andere
sehen im Dialog und in Dialogprozessen die Chance.“
Der Mainzer Bischof
Kardinal Lehmann beschreibt in der Jahresschlussandacht am 31. Dezember
2010 den Dialog als unverzichtbar, möchte ihn jedoch nicht als „Allheilmittel“
verstanden wissen: „Das
gezielte und informierte Gespräch gibt die besten Grundlagen für
Entscheidungen, die dann freilich auch – gelegen oder ungelegen
– mutig, klar, rechtzeitig, verständlich und verantwortlich getroffen werden
müssen. Insofern ist der „Dialogprozess", der von der Deutschen
Bischofskonferenz als Weg zur Bewältigung der derzeitigen Krise empfohlen und
gefördert wird, sehr wichtig, aber nach meiner festen Überzeugung nur eine
Dimension des Weges der Kirche heute.“
Bischof Tebartz-van
Elst aus Limburg differenziert in
einem Interview im Spiegel, wie er Dialog verstanden wissen möchte: „Es gibt
Themen, bei denen eine gute inhaltliche Auseinandersetzung unverzichtbar und
deshalb richtig ist; aber es darf in der Kirche nicht bei Gegensätzen stehen
bleiben. Als Bischof gebe ich deshalb viele Themen ganz bewusst in die Beratung
der Gremien. Manches muss von einem Bischof aber letztlich entschieden werden,
weil er dafür die letzte Verantwortung trägt. Das Neue Testament und unser
Kirchenrecht sprechen hier gleichlautend vom ‚Dienst der Leitung’, der dem
Bischof als Nachfolger der Apostel übertragen ist. Dem kann und will ich mich
nicht entziehen.“
Aber auch offene Skepsis bis
völlige Ablehnung werden deutlich:
Auch wenn Bischof Hanke,
Eichstätt, nicht konkret auf die Dialoginitiative Bezug nimmt, so drückt
sich doch seine Zweifel in einer Ansprache vom 7. November 2010 deutlich aus: „Reform
muss immer vom Zentrum, vom Ziel her ausgehen. Deshalb muss jede kirchliche
Reform vom Altar ausgehen, von der Gegenwart Christi.“ Derzeit würden viele
Umbaupläne für die Kirche verkündet: „Viele selbst ernannte Innenarchitekten
stehen bereit für diesen Umbau“, bei dem die Abschaffung des Zölibats, das
Diakonat für die Frau, eine Kirche von unten und eine Umgestaltung der
Strukturen propagiert werden.
Der Regensburger Bischof
Müller steht der Dialoginitiative eindeutig ablehnend gegenüber. In
einem Tagespost-Interview vom 29. September 2010, also praktisch unmittelbar
nach der Bischofskonferenz distanzierte er sich deutlich von den Ansätzen des
Bischofskonferenzvorsitzenden:„Wenn wir uns als eine Wohlfühlorganisation mit mystischem
Hintergrundgeraune anbiedern, der die gesellschaftliche Akzeptanz und der
Einklang mit einem materialistischen Zeitgeist die oberste Maxime ist, dann
haben wir Christus verraten. Unser Dialog ist kein Nachgeben gegenüber dem
Druck der Straße, die sich blasphemisch für die Basis der Kirche ausgibt. Das
Fundament der Kirche ist Christus und nicht die Wanderdüne wechselnder
Meinungen.“ … „Den Geist, der alles neu macht, erwartet die Kirche von oben und
nicht von unten. Erneuerung der Kirche im Heiligen Geist kommt „aus dem was
Gott will und nicht aus dem, was Menschen wollen“ (Mt
16, 23).“
Was
ist nun mit den Bischöfen, von denen bisher gar nichts zu hören war? Sind sie
dafür oder dagegen? Mit Schweigen kann man ja sowohl Zustimmung als auch
Ablehnung ausdrücken, auf jeden Fall jedoch Gleichgültigkeit, Hilflosigkeit
oder auch Unentschiedenheit, vielleicht auch Angst. Wird es noch einen Ruck
geben, der durch die deutschen Diözesen geht oder werden die
Überzeugungsversuche versanden?
Wie
schwierig die Gemengelage ist, wird auch deutlich an den Reaktionen der
Diözesanhirten auf den Aufruf der 8 CDU-Politiker und Politikerinnen gegen die
zwangsläufige Verknüpfung von Zölibat und Priesteramt und das Memorandum der
Theologieprofessoren und -professorinnen für einen Aufbruch in der Kirche. Zum
einen gibt es die völlig uneinheitlichen
Positionen zum Zölibat, die aber schon
vorher bekannt waren. Zum anderen die Art und Weise wie mit der „Zumutung“
umgegangen wird, dass Menschen außerhalb des Bischofsamtes auf diese Weise ihre
Sorge zum Ausdruck bringen: ein breites Spektrum zwischen Gelassenheit,
Empörung und dezidierter Abweisung.
Bisher
scheint Dialog als Verständigungsform innerhalb der deutschen Diözesen
tatsächlich ein Fremdwort sein. Auffallend war nämlich bei dieser
Internet-Recherche auch, dass diese Wort hauptsächlich im interreligiösen,
seltener schon im interkonfessionellen Bereich, gelegentlich im Zusammenhang
mit Politik und Kultur, aber so gut wie nie innerhalb einer Diözese selbst
vorkam. Heribert Prantl bewertete in der Süddeutschen
vom 21./22.Januar 2011 die „Hierarchie“ als unfähig zur
Erneuerung. Kardinal Lehmann wies dies in seinem Gastkommentar in der Mainzer
Kirchenzeitung vom 1.Februar 2011 als Beschimpfung zurück. Wie fähig die Hierarchen der deutschen Bistümer aber tatsächlich zur Erneuerung
sind, können sie nun unter Beweis stellen: an ihren Taten sollt ihr sie
erkennen!
Sigrid Grabmeier aus Deggendorf ist Mitglied im Bundesteam
der KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche“
Informationen unter: http://www.wir-sind-kirche.de