
Ein Beitrag von Pfr. Andreas Dreyer. Dieser Artikel ist eine vom Autor aktualisierte Fassung eines Beitrags im Deutschen Pfarrerblatt - Heft: 2/2010.
Einleitung
Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gute wie Böse (Mt 5.45) -
mit dieser zu dem Zeitpunkt geradezu prophetischen Losung ausgerechnet aus der
Bergpredigt begann der 15. September 2008. Jener Tag, an dem die
US-amerikanische Investmentbank Lehman
Brothers bankrott ging. Eine Reihe von Rettungsversuchen, auch noch in der
Nacht zuvor, waren gescheitert. Das Datum markiert insofern eine Zeitenwende,
als dieses Ereignis nicht isoliert zu betrachten ist, sondern es anschließend
in dichter Folge zum zeitnahen Zusammenbruch vieler anderer sog.
Investmentbanken und weiter zu einer in diesem Ausmaß nicht für möglich
gehaltenen globalen Finanz- und Wirtschaftskrise kam, die insgesamt Werte von
geschätzt 5.000! Mrd. US-Dollar vernichtete (Sinn, Kasino S. 197), die Menschen
in völlig anderen Branchen und Ländern um ihre Arbeit und/oder ihre
Ersparnisse brachte und Regierungen von Staaten zu radikalen, so noch nie zuvor
erforderlichen Schritten nötigte.
Gigantische Auffanglösungen für
angeschlagene Banken und Versicherer wurden rund um den Erdball nötig, riesige
sog. Konjunkturpakete für fast alle namhaften Volkswirtschaften geschnürt
(geschätzter Umfang 1.130 Mrd. €, Sinn S. 229), es kam zu Verstaatlichungen
von Banken, Versicherern u. a., um einen Kollaps des globalen Finanzsystems und
damit der Weltwirtschaft zu verhindern. All das waren und sind Maßnahmen, die
insgesamt das Ausmaß der Verschuldung der öffentlichen Haushalte in ungeahnte
Höhen getrieben haben – alles also zu Lasten des Steuerzahlers bzw. kommender
Generationen. So stieg die Staatsverschuldung in Deutschland steil auf
mittlerweile über fast 1,7 Bio. €
an.
Die Hauptursache des Desasters, das
bei Lehman seinen Ausgang nahm und dessen Ende wir immer noch nicht absehen können,
waren dabei hochkomplizierte, zuvor für sicher gehaltene ‚verbriefte’
Sammel-Schuldverschreibungen auf vornehmlich us-amerikanische Immobilienkredite
(sog. Collaterized Default Obligations),
die in Folge einer geplatzten Blase praktisch wertlos wurden und damit Banken,
Immobilienfinanzierer und sogar ganze Staaten wie z. B. Island in einen Abwärtssog
zogen. Über die volkswirtschaftlichen und konjunkturellen Folgen dieser
Ereignisse gibt es bereits fachwissenschaftliche Untersuchungen (z. B. H. W.
Sinn, Der Kasino-Kapitalismus) und wird es in Zukunft Abhandlungen in großer
Zahl geben. All dies kann hier nicht en
detail erörtert werden (obwohl auch dies durchaus ein theologisches Thema wäre,
schließlich ist diese Weltwirtschaftskrise, anders als die Asienkrise der
Neunzigerjahre, vom sog. christlichen Kulturkreis ausgegangen).
An dieser Stelle von Belang ist
allein, welche Folgerungen die Kirche
für die zukünftige Sicherung ihrer Finanzen aus dieser globalen Finanz- und
Wirtschaftkrise ziehen und wie protestantische Theologie diese Ereignisse
bewerten sollte.
Denkschriften pro Soziale Marktwirtschaft
Die beiden großen Kirchen in
Deutschland haben sich in der Vergangenheit mit einer Reihe von Denkschriften zu
wirtschaftsethischen und sozialen Fragen zu Wort gemeldet. In erster Linie ist
hierbei zu denken an die Denkschrift ‚Gemeinwohl
und Eigennutz’ aus dem Jahre 1991, an das Gemeinsame (weil zus. mit der
katholischen Bischofskonferenz herausgegebe) Sozialwort ‚Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit’ aus dem Jahre
1997, an ‚Gerechte Teilhabe’ aus
dem Juni 2006 sowie vor allem an ‚Unternehmerisches
Handeln in evangelischer Perspektive’ aus dem Sommer 2008, also sehr kurz
vor Ausbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Eine Sonderstellung,
weil erst nach Einbruch der Krise herausgegeben, nehmen dann noch die Texte Wie
ein Riss in einer hohen Mauer, EKD-Text 100, Juni 2009 sowie die päpstliche
Enzyklika Caritas in Veritate, 2009 ein.
Aus der jüdisch-christlichen
Ursprungstradition heraus verstehen sich diese Verlautbarungen in der
Grundtendenz als kirchliche Stellungnahmen, die gemäß einer häufig zu hörenden
Formel nicht selbst (Wirtschafts-)Politik machen, eine solche aber sehr wohl möglich
machen wollen. Inhaltlich handelt es sich
dabei zumeist um kritische Mahn- und Warnworte vor schranken- und zügellosem
Gewinnstreben oder unhinterfragtem Wachstumsdenken, die durch eine Vielzahl von
Appellen zu mehr gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, Nachhaltigkeit und
staatlicher Regulierung des Wirtschaftslebens gekennzeichnet sind.
Diese mehr oder weniger
traditionelle und zwischen mehr oder weniger reguliertem Kapitalismus einerseits
und forciertem Sozialstaatsgedanken andererseits vermittelnde Sichtweise wurde
aber zuletzt anscheinend aufgegeben: vor allem die Denkschrift ‚Unternehmerisches
Handeln… markiert insofern eine Abkehr vom bisherigen Kurs, weil hier
erstmals die Soziale Marktwirtschaft als einzige ethisch vom christlichen Glauben
her zu vertretende und sach- wie menschengerechte Wirtschafts- und Sozialordnung
bezeichnet wird. Getragen vom Leitbild des ‚ehrbaren Kaufmanns’, dessen übertriebene Herausstellung wie auch
angesonnene Prägekraft angesichts heutiger Markt-Rahmenbedingungen antiquiert
bzw. fast schon rührig wirkt, blendet sie - im Unterschied übrigens zur
weltweiten Ökumene - Systemfragen wie -alternativen konsequent aus und
attestiert den derzeit bestehenden wirtschaftlichen wie sozialpolitischen
Rahmenbedingungen, nach wie vor dem Grundgedanken der sozialen Marktwirtschaft
zu entsprechen und zugleich ‚protestantische
Werthaltungen wie keine andere Wirtschaftsform zu verwirklichen’.
Welches Menschenbild sich hier
breit gemacht hat, zeigt allerdings u. a. der verräterische Spitzensatz „Sie
(Arbeitnehmer) können deshalb nie nur Mittel zum Zweck sein (S.13, Hervorhebung des Vf.)“ heißt
es da bezeichnender Weise. Auch wird dem Wettbewerbs- bzw. Konkurrenzgedanken in
einer Art und Weise gehuldigt, wie es der biblischen Anthropologie kaum
entspricht: sage und schreibe 64mal wird das Leistungsprinzip und dem Wettbewerb
- und somit der Legitimität des Gewinnstrebens aus christlicher Sicht gehuldigt
(vgl. Felber a. a. O. S. 113). Wer hier im Gesamtkontext auch nur nach
kritischen Einsprengseln oder Rudimenten wie z. B. der Symbolfunktion von
genossenschaftlichen Systemen, Kooperativen sucht, geht leer aus. Auch wird der
biblisch-theologisch vollkommen eindeutige Vorrang der Bedeutung der Arbeit vor
dem Kapitaleinsatz nicht erwähnt. Die EKD hatte sich, wenige Wochen vor dem
Beinahe-Systemkollaps, anscheinend festgelegt – dabei fragt sich nur, ob sie
richtig lag. Die Wirtschaftswoche
stellt demzufolge korrekt wie überrascht zum Paradigmenwechesel der EKD fest:
„Frieden mit dem Kapital“.
Bedauerlicherweise gelingt es aber
vor allem anderen beiden Kirchen in ihren Denkschriften nicht, in ihren sog. Sozialworten
auch ihr eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen bzw. eine Theorie ihres
eigenen Wirtschaftens zu entwerfen; die Gesellschaft bzw. die Wirtschaft wird
stets als ein Gegenüber scheinobjektiviert, das man als Kirche vollmundig
kritisieren zu dürfen meint, ohne einmal selbstkritisch das „Wirtschaften“
mit den eigenen Finanzen zu reflektieren und auch die eigene Eingebundenheit in
das System zuzugestehen.
Dies war allerdings nicht immer so:
über lange Zeit hatten Kirchen gegenüber Konzernen, großen Privatbanken und
Versicherern durchaus erhebliche Vorbehalte grundsätzlicher Art gehegt und dies
auch selbst in ihrem Handeln beherzigt (man denke nur an den Konflikt zwischen
Deutscher Bank und EKD in den Achtzigern wg. Südafrika). Reflexe davon finden
sich immerhin noch im gemeinsamen Sozialwort der Kirchen von 1997. Erst gegen
Ende der Neunzigerjahre schienen die Kirchen ihren Frieden mit nationalen wie
internationalen Großbanken und Konzernen gemacht zu haben. Kirchen tätigten
auch zunehmend eigene z. T. spekulative Engagements bei Großbanken, in der
eigenen Geldanlage begann man nach eigener Aussage ‚mutiger’
zu werden, zu arbeitsplatz-vernichtenden Unternehmensfusionen wurde geschwiegen
und man akzeptierte mehr oder weniger stillschweigend die Globalisierung unter
neoliberalen Vorzeichen. Warnungen vor übertriebenen Zins- und
Gewinnentwicklungen, vor bestimmten Arten von Risiko-Wertpapieren, vor
einseitiger Shareholder-Value-Orientierung,
früher gerade aus protestantischen Kreisen heraus durchaus gängig, ja fast
schon stereotyp war, waren zuletzt, vor Ausbruch der Finanzkrise, und d. h. in
der Denkschrift Unternehmerisches Handeln…
praktisch überhaupt nicht mehr zu
vernehmen.
So kann es fast schon als Tragik
bewertet werden, dass die EKD hier kurz, nämlich wenige Wochen vor dem
Beinahe-Systemkollaps im September 2008 ausgerechnet jenem sich verselbständigen
und sakrosankt-setzenden neoliberalen Turbo-Kapitalismus die höheren Weihen
angeblich protestantischen Ethos verlieh, obschon sie seitens biblischer, v. a.
alttestamentlicher Theologie (Exodus-Thematik, Prophetie, Option für die Armen)
wie auch aus den reichhaltigen Erfahrungen der weltweiten Ökumene (Theologie
der Befreiung) hier hätte gewarnt sein müssen. Doch entweder hatte die Kammer
für Soziale Ordnung hier resigniert im Sinne einer ‚mündig gewordenen
Welt’ (Bonhoeffer), der man ihren
Lauf zu lassen habe, oder aber man hatte schlichtweg nichts mehr dazu zu sagen
im Sinne von innerer Zustimmung bzw. Bejahung der eigenen Bereicherung, die man
aber aus einem Rest von theologischer Scham und Treue zur eigenen Tradition
nicht klar auszusprechen wagte.
Zinslast und Zinsertrag
Der enorme und steile Anstieg der
Staatsverschuldung in nahezu allen namhaften Industrieländern vor allem durch
die gegenwärtige Finanzkrise hat zur Folge, dass der Schuldendienst (Zins &
Tilgung) der öffentlichen Haushalte kontinuierlich weiter ansteigt. Die
Zinslast der Bundesschuld belastet den Haushalt inzwischen schon bei extrem
niedrigen Zinsen in einem Umfang von ca. 11 % (entsprechend rd. 40 Mrd. €). Für
2010 ist, wiederum allein im Bundeshaushalt, eine neue
Nettokreditaufnahme von 80,2 Mrd. €
vorgesehen, nimmt man die sog, Nebenhaushalte mit hinzu, sind es über 100 Mrd.
€. Das engt die Handlungsspielräume der Politik mehr und mehr ein, letztlich
zum Schaden aller, auch der im Grunde sicherlich gut gedachte und gemeinte sog. Schuldenpakt
bzw. die sog. Schuldenbremse wird daran nichts wesentlich ändern können.
Die politischen Akteure werden
deshalb verständlicherweise nichts unversucht lassen, um Einfluss auf die
(wenngleich nominell unabhängigen) Zentralbanken auszuüben, damit die
Leitzinsen, die derzeit auf Rekordtiefs verharren, weiterhin möglichst niedrig
bleiben und an einer Politik des sog. ‚billigen
Geldes’ festgehalten wird. Denn niedrige Leitzinsen bedeuten niedrige
Zinskosten/Zinslasten für Kredite. Und eine solche ‚flutende’
Zinspolitik ist aus konjunkturellen Gründen ohnehin geboten, weil nur so reale
Anreizstrukturen für Inlandsinvestitionen, die arbeitsmarkt- wie
industriepolitisch gesehen unverzichtbar sind, gegeben werden können.
Gleichzeitig wird die öffentliche Hand (selbst wenn sie zur Beruhigung der öffentlichen
Gemütslage Gegenteiliges beteuern sollte!) durchaus bereit sein, einen spürbaren
Anstieg der Inflation auch über das bisherige Maß hinaus hinzunehmen - denn
dies entwertet die vorhandene Verschuldung nicht unwesentlich und hilft so
ebenfalls, die Haushalte zu konsolidieren und zu stabilisieren, eine
Inflationsquote von ca. 4-5 % war schon an mehreren Stellen in der Diskussion.
Die daraus folgenden Abwertungen für Sparguthaben, Pensionskassen, Stiftungsstöcke
etc. wird man dafür bereitwillig in Kauf nehmen, denn dieses Vorgehen ist im
Prinzip alternativlos. Und vielleicht werden sogar zinskritische
Kirchenvertreter (wie z. B. der ‚Initiativkreis
9,5’), sich mehr an den eindeutigen
Aussagen biblischer Texte (Ex 22.24, Lev 25.36 etc.) als an kirchlichen Rücklagen
und Stiftungs-Kapitalstöcken orientierend, irgendwann gar ein biblisches
Halljahr/Erlassjahr oder eine Währungsreform einfordern, um einer überhandnehmenden
Staatsverschuldung Einhalt zu gebieten!
Aus all dem folgt nahezu
unausweichlich, dass Verzinsungen von Staatsanleihen und anderen Anlageprodukten
bester Bonität mit hoher Wahrscheinlichkeit auf lange Sicht niedrig rentieren
werden, evtl. sogar negative
Nettokapitalrenditen die Folge der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sein
werden (wie z. B. in Japan), zumindest nicht auszuschließen sind. Bei jeder
Neuanlage in Kapitalstöcken von Pensionskassen, Stiftungen etc. ist man
demzufolge permanent genötigt, Wertpapiere mit weitaus geringerer Verzinsung
als zuvor zu kaufen. Die Zinserträge werden folglich deutlich absinken, wie bei
den Lebensversicherungen und deren Garantieverzinsungen auch. Gleichzeitig sind
zum Teil erhebliche Wertberichtigungen in den Portfolios vorzunehmen, denn die
Kurskorrekturen an den internationalen Börsen haben auch dort ihre Spuren
hinterlassen. Wer hier, wie teilweise schon zu hören, die Hoffnung hegt, es käme
in relativ kurzer Zeit wieder zu einer Normalisierung der Zinskurven in die
gewohnten Bahnen vor dem Euro, der oder die wird á
la longue eines anderen belehrt werden!
Spekulationsproblem
Natürlich können Anleger, also
theoretisch auch kirchliche Stiftungen, durch Ausweichverhalten und Streuung
versuchen, höhere Kapitalrenditen anzustreben, als sie über Staatsanleihen o.
ä. derzeit möglich sind. Hierzu steht nach wie vor bekanntlich eine unüberschaubar
breite Palette von Anlageprodukten unterschiedlicher Art der Finanzindustrie
bereit. Allein, dies gelingt natürlich i. d. R. nur durch die Inkaufnahme eines
deutlich höheren Risikos (Chance-Risiko-Relation).
Was dem privaten wie auch dem ‚normalen’
institutionellen Anleger hier sehr wohl erlaubt ist, nämlich in Krisenzeiten
eine höhere Risikostruktur für sein Portfolios zu akzeptieren, ist es aber den
Kirchen um den Preis ihrer Glaubwürdigkeit mit ihren hohen ethischen Maßstäben
und ihren stets kritischen Vorgaben zur Wirtschafts- und Sozialpolitik noch
lange nicht!
Es kann sogar nur davor mit allem
Nachdruck gewarnt werden, sich hier den schon wieder vernehmbaren Einflüsterungen
der Finanzakrobaten mit ihren Zins- und Gewinnversprechen hinzugeben. Zwar
locken gerade in einer vermeintlichen derzeitigen Baisse am Aktienmarkt Risikopapiere mit hohen Renditen, allein,
diese sind natürlich keineswegs sicher. Gleichzeitig drohen nämlich Abstürze,
wie sie z. B. die oldenburgische Kirche mit ihren Lehman-Zertifikaten erleiden
musste, wobei klarzustellen ist: derartige Abschreibungsverluste können
jederzeit wieder und auch anderen passieren, so bitter sie im Einzelfall sein mögen.
Zwar waren diese in der Schadenssumme gar nicht einmal exorbitant (ca. 4,5 Mio.
€), doch die überaus heftigen und lang anhaltenden Medienreaktionen zeigten,
dass eine zunehmend kritische und selbstbewusste Öffentlichkeit den Kirchen
Spekulationsverluste mit anvertrautem Gelde aus vollkommen legitimen
nachvollziehbaren Gründen weit weniger durchgehen lässt als anderen ebenfalls
betroffenen Organisationen (wie z. B. Landesbanken oder Krankenkassen). Die
Schadensmeldung der Oldenburger ‚schaffte’ es auf den Wirtschaftsseiten der
überregionalen Zeitungen viel größere Verluste anderer Organisationen
spielend zu toppen und führte zu hämischen Reaktionen, die das Ansehen der
evangelischen Kirche insgesamt in Mitleidenschaft gezogen haben.
Eine ähnliche Gefahr bedeutet die
inzwischen unüberschaubare Vielzahl
kirchlicher Stiftungen und Fördereinrichtungen mit ihren unzähligen Vorständen,
Beiräten und Entscheidungsträgern. Bei aller aufrichtigen Sympathie für
basisdemokratische Strukturen muss doch festgestellt werden: diese Vielfalt hat
auch ihre Schattenseiten, weil die dazu erforderlichen wirtschaftsethischen
Kompetenzen überhaupt nicht generell vorausgesetzt werden können. Auch eine
noch so bemühte und sorgfältige Stiftungsaufsicht wird darum nicht generell a
priori Vorfälle wie die um die Emder A-Lasco-Bibliothek
verhindern können, wo das Fehlverhalten eines einzelnen einen Millionenschaden
(über 6 Mio. €) verursacht hatte - auch hier war das Medieninteresse weit überdurchschnittlich
und wird es - aller Voraussicht
nach – im Revisionsverfahren ebenfalls bleiben. Man ziehe daraus die
notwendigen Schlüsse! Die zugegebenermaßen durchaus hier und dort erzielbaren
möglichen, aber risikobehafteten höheren Kapitalrenditen stehen für die
Kirche in überhaupt keinem Verhältnis zum potentiellen Ansehens-
und Imageverlust, den man zu gewärtigen hat, wenn Investments sich nicht
wie geplant rentieren, sondern zu Abschreibungen führen. Wer - wie die
protestantischen Kirchen - aus seinem Selbstverständnis und seiner Tradition
heraus (man bedenke gerade in den luth. Kirchen neben den biblischen Texten hier
explizit auch einmal Luthers Stellung zur Zinsfrage
in den beiden Schriften über den Zinswucher) hohe ethische Ansprüche an andere
stellt, der sollte, nein muss sich in seinem eigenen Hause auch entsprechend
verhalten. Für die Kirche sehr kostspielige und peinliche Glaubwürdigkeitsdefizite
sind sonst die Folge! Von daher verbietet sich die theoretische Option, riskante
Finanzmarktgeschäfte mit kirchlichen Geldern vorzunehmen. Dies im Verborgenen
zu tun ist eine Möglichkeit, die Kirche ohnehin nicht offen steht. Und ob
Kirchenvertreter denn überhaupt bessere Anlageergebnisse erzielen als
Privatanleger, darf ebenfalls bezweifelt werden. Die Landesbanken jedenfalls
haben gezeigt, dass die öffentliche Hand nicht eo
ipso der bessere Anleger ist. Man wird sich also bescheiden müssen – und
das ist gut so!
Notwendige Rückbesinnung auf Umlagefinanzierung
Die Folgen der Finanz- und
Wirtschaftskrise öffnen nunmehr jedem und jeder die Augen dafür, ein in den
Boomjahren von nicht wenigen für absolut überholt und beinahe anachronistisch
angesehenes Modell doch endlich wieder wertzuschätzen und zu pflegen: nämlich
die klassische Umlagefinanzierung. Die
Kirchen generieren ohnehin den weit überwiegenden Teil ihrer Einnahmen aus der
Kirchensteuer (bis zu 90%), die praktisch ein Umlageverfahren darstellt, wenn
auch eines mit (leider) eingeschränkter Bemessungsgrundlage und negativem
Image. Allein, das Bewusstsein dafür, woraus Kirche ihre Einnahmen erhält, war
und ist in Teilen der kirchlichen Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr
vorhanden, die Folgen sind entsprechend. Die offiziellen Fundraising- und
Stiftungskampagnen mancher Landeskirchen (z. B. in Hannover) haben nämlich
permanent die fatale Illusion genährt, ein scheinbar grenzenlos wachsender
Spendenmarkt könne, verbunden mit geschickter Anlagepolitik, eine neue
Grundlage der Kirchenfinanzierung, die uns von der Kirchensteuer mit all ihren
Imponderabilien ein Stück weit unabhängig machen würde, schaffen. So wurden
mehrmals sogar Einnahmen aus der Kirchensteuer, anstelle sie, wie die/der
SteuerzahlerIn es mit Fug und Recht erwarten darf, für gegenwärtige
Herausforderungen zu verausgaben, als sog. Bonifizierungen
in Stiftungsstöcke umgeleitet und sogar dreist behauptet, diese wären nun
dadurch sicher ‚für alle Ewigkeit“!
Es führt aber (leider?) unter den herrschenden Bedingungen prinzipiell überhaupt
kein Weg daran vorbei, sich (wie der Staat auch) über Steuern bzw. Kredite zu
finanzieren. Wer anderes behauptet, täuscht sich selbst und andere!
Die endogene, d.h. vom System
selbst verursachte Kernschmelze der globalen Finanzmärkte betrifft aber natürlich
auch die Stiftungen, die endlich entmythologisiert gehören! Die Kapitalstöcke
amerikanischer Eliteuniversitäten schmolzen so seit September 2008 teilweise um
rund 30 % (Harvard gar um 40 %!) zusammen, die dort zahlreichen und wichtigen
Pensionsfonds teilweise um ca. 21 %! Vor ähnlichen Problemen steht die
anglikanische Kirche, deren Pensionsfonds ebenfalls notleidend wurde, umgehend
musste das Pensionsalter angehoben werden. Statt also, wie zuvor vollmundig
behauptet, besonders sichere Anstellungsverhältnisse zu garantieren, müssen
die Universitäten gerade wegen ihrer kapitalgedeckten Finanzierungsmodelle Personal abbauen,
Stipendien streichen und Investitionen zurückstellen! Selbst wenn es wegen
etwas andersartiger Anlagepolitik und strengerer Stiftungsaufsicht in
Deutschland ein hoffentlich etwas geringeres Bewertungsdefizit geben sollte als
auf der anderen Seite des Atlantiks: eine absolute Kapitalgarantie kann und darf
natürlich niemand aus der bloßen Tatsache ableiten, dass Geld sich im
Kapitalstock einer Stiftung oder Pensionskasse befindet.
Und
eine wirklich tragfähige Spendensummen konnte selbst in den Boomjahren nicht
einmal annähernd erreicht werden - und werden es in den nun kommenden Jahren
noch viel weniger sein. Wohl auch deshalb wird bis heute eine neutrale
Evaluation der Kosten-Nutzen-Relation des Fundraising-Experimentes
bezeichnender Weise bewusst unterlassen. Man darf darauf gespannt sein, wann
diese endlich erfolgt und wie das Ergebnis aussehen wird.
Ich bin überzeugt, dass sich
herausstellen wird: bestenfalls stagniert bei den nun anstehenden Steuererhöhungen
und Kürzungen staatlicher Leistungen das Spendenaufkommen, sehr viel
wahrscheinlicher jedoch sinkt es. Die inflationsbedingt bereinigten Zinserträge
der Stiftungen (Nettokapitalerträge) werden sehr viel bescheidener ausfallen
als erhofft, denn die Leitzinsen und mit ihnen die Umlaufrendite haben sich seit
Beginn der Finanzkrise quasi halbiert. Und hier nun rächt sich, dass die
theologisch wie fiskalisch so wichtige und gebotene Mitgliederpflege und Werbung
für Kirchenmitgliedschaft und der so dringend gebotene Aufbau einer wertschätzenden
Dankeskultur für die Kirchensteuer in den entscheidenden Jahren vor Beginn der
Krise praktisch vollständig zum Erliegen gekommen war und ist -
zugunsten des Aufbaus übersteigerter Fundraising-Kampagnen. Zunehmende
Mitgliederverluste von inzwischen beträchtlichem Ausmaß (EKD-weit allein 160.000
Austritte in 2008) sind mittlerweile als beinahe logische Folge eingetreten,
die auch bei einem radikalen Umsteuern nur schwerlich wettzumachen sein werden.
Eine
umgehende Rückbesinnung (vgl. religio)
darauf, in Wohl und Wehe mitglieder- und damit umlage-abhängig zu sein, tut in
den Landeskirchen folglich unbedingt Not. Es gilt hier die für ein Umsteuern
auch theologisch so wichtige Maxime: besser
spät als nie. Schnellstmöglich sollte also umgehend ein Umdenken und
Umsteuern zugunsten einer angemessen hohen Wertschätzung der Mitgliedschaft
einsetzen – und ein offenes Eingeständnis, dass es eine sichere
Kirchenfinanzierung nicht auf der Grundlage von unsicherem Spendenzufluss und
erst recht nicht aus Zinserträgen bzw. Dividenden vergleichsweise geringer
Kapitalstöcke geben kann. Die eingetretenen Wertverluste sind sorgfältig zu
bilanzieren. Und zudem sollte zukünftig viel stärker als bisher auch die
Ausgabenseite kirchlicher Gelder beachtet werden. Hier ist ein erhebliches
Einsparpotential vorhanden, wie die immer wieder zu beobachtende Verschwendung
von Kirchengeldern ahnen lässt, die auch einmal ein „Schwarzbuch des (Kirchen-)Steuerzahlerbundes“
dringend benötigte.
Ausblick
Die globale Finanz- und
Wirtschaftskrise hat – wie jede [gr.:] krisis - doch insofern auch ihr Gutes,
als sie uns 20 Jahre nach dem Untergang des planwirtschaftlichen Experiments
(und damit des vermeintlichen
Totalerfolges des freien Marktes) radikal auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen
hat. Eine sehr weitgehende Loslösung des virtuellen Kapitalverkehrs von der
Realwirtschaft (sie übersteigt diese im Volumen mittlerweile um das 20fache!),
eine hemmungslose Deregulierung zulasten ganzer Kontinente und der Umwelt und
vor allem der damit verbundene Irrglaube an sichere dauerhafte Traumrenditen des
scheinbar „von selbst arbeitenden Geldes“,
wie wir beides vor allem in den Jahren vor Ausbruch der Finanz- und
Wirtschaftskrise erlebt haben, musste über kurz oder lang in einem
Zusammenbruch dieser Art enden. Dass warnende Stimmen, die es ja
durchaus gegeben hat (Reformierter Weltbund, ÖRK, Weltsozialforum, George Soros),
in der Vergangenheit geflissentlich auch und gerade in den Kirchen überhört
wurden, ist zwar von der Natur des Menschen her vollkommen verständlich, aber
dennoch gerade im christlichen Bereich sehr bedauerlich. Denn wo sonst wenn
nicht in den protestantischen Kirchen hätte das Wissen um die Unterscheidung
von richtigen bzw. falschen Sicherheiten (vgl. Luther zu certitudo
vs. securitas) bewahrt werden können, ja müssen? Die Kirchen haben von
ihrer jüdisch-christlichen Ursprungstradition her mit Vehemenz der Vergötzung
einer längst zum Selbstzweck mutierten Finanz- und Geldwirtschaft und vor allem
des übersteigerten Zins- und
Kapitalrenditedenkens nicht nur proklamatorisch nach außen hin zu
widersprechen, sondern vor allem durch ihr eigenes zeugnishaftes Handeln einen
glaubhaften Gegenimpuls zum Mammon (Mt 6.24) zu setzen, selbst wenn diesem Tun
vom Umfang her eher symbolhafte Bedeutung zukommt. Dieser kann vor allem anderen
durch eine Katharsis, was den
Irrglauben an die vermeintlich unverbrüchliche Zukunftssicherheit von zins- und
renditegestützten Finanzierungen anbelangt, erreicht werden. Eine Rückkehr zum
biblischen Zinsverbot ist daraus zwar, obschon auch diese Forderung von Zeit zu
Zeit wieder im Raum steht, nicht zwangsläufig abzuleiten, wohl aber in ein
realistisches und somit von lutherischer Freiheit geprägtes Eingeständnis in
das, welches Verhalten für Kirchen legitim und angeraten ist.
Solidarischen, gerechten und
transparenten direkten
Finanzierungssystemen auf Umlagebasis (Ex 22.28, Dt 14.22f., 26.12) ist
eindeutig der Vorzug zu geben vor Versuchungen aller Art, was vermeintlich „auf Ewigkeit sichere“ Kapitalstöcke und sicher geglaubte
Durchschnittsrenditen für alle Zukunft anbelangt. Rücklagen, soweit vorhanden,
sind anhand klar ausgewiesener Kriterienkataloge ethisch vertretbar, d.h.
nachhaltig, ökologisch, sozialverträglich und ressourcenschonend anzulegen,
hierbei ist volle Transparenz zu gewährleisten.
All dem, was vom Elementarwissen um
die gerade für Kirche, den Leib Christi absolute Unverzichtbarkeit von
Mitgliederbindung (und auch Umlagefinanzierung) ablenkt, sollte zukünftig
kirchlicherseits mutig widerstanden werden, denn wie heißt es so schön:
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EKD,
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Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive, Gütersloh 2008
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Der Autor Andreas Dreyer,
Jahrgang 1962, ist seit 1991 Pastor in der hannoverschen Landeskirche (Landesbergen
bei Nienburg/W.) und seit 1998 und Mitglied im Pastorenausschuss
der hannoverschen Landeskirche.
Er ist Vorsitzender des Hannoverschen
Pfarrvereins.